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Die Reproduktionszahl liefert einen wichtigen Kennwert in Corona-Zeiten. Sie kennzeichnet generell bei jeder Infektionskrankheit, wie schnell sich Erreger verbreiten. Aber in der öffentlichen Beobachtung sind noch einige weitere Zahlen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Besonders häufig wird die Zahl der positiven Tests zitiert. Diese liegt für Deutschland etwa bei 177.000 (Stand: 19.05.2020). Diese Zahl an sich ist jedoch relativ uninteressant, um das aktuelle Geschehen abzubilden. Davon abziehen muss man die Zahl der Genesenen, rund 155.000 (Stand: 19.05.2020) und die Verstorbenen, rund 8.000 (Stand: 19.05.2020). Übrig bleiben 12.000 an diesem Tag Erkrankte beziehungsweise aktive Fälle.

Diese Zahl zeigt immer das Bild von vor etwa zehn Tagen. Nach der Infektion vergehen meist mehrere Tage bis Symptome auftreten – falls welche auftreten. Die Untersuchung des Tests benötigt ebenfalls mehrere Tage und dann muss das Ergebnis noch erfasst werden. Mittlerweile haben die Forscher aber so viele Daten gesammelt, dass sie statistisch ein so genanntes Now-Casting anbieten. Das heißt, sie berechnen statistisch den aktuellen Stand der Infektionsrate.

Aus der Entwicklung der Zahl der aktiven Fälle lässt sich eine der wichtigsten Kennwerte ablesen: die Reproduktionszahl. Sie kennzeichnet bei jeder Infektionskrankheit, wie schnell sich der Erreger verbreitet. Es gibt die Basisreproduktionszahl R0 (R-Null). Sie gibt an, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt, bevor er geheilt ist oder stirbt, so lange keine Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen wurden.

Bei COVID-19 liegt sie zwischen 1,4 und 5,7. Die große Bandbreite kommt dadurch zustande, dass die Erforschung noch relativ am Anfang steht. Viele Institute gehen aber von einer Basisreproduktionsrate von etwa 3,0 aus. Bei der spanischen Grippe von 1918, die viele Millionen Leben forderte, lag die Reproduktionszahl zwischen 2 und 3. Bei Masern liegt sie bei 15.

Ohne Gegenmaßnahmen führt dies schnell zu einem exponentiellen Anstieg der Erkrankten. Werden jedoch Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Maskenpflicht verhängt, sinkt diese Zahl auf die effektive Reproduktionszahl, angegeben mit dem R-Wert.

Liegt der bei 1,0, steckt jeder Infizierte einen anderen Menschen an – also bleibt die Zahl der Fälle konstant. Sinkt er unter 1,0, nimmt die Zahl der Erkrankten langsam ab. Das zu erreichen ist das Ziel, und genau deshalb ist der R-Wert von zentraler Bedeutung, um das Infektionsgeschehen zu bewerten.

Um die Gefährlichkeit des Virus zu erkennen, ist die Sterblichkeit von besonderer Bedeutung. Hier lässt sich aktuell nur die Mortalität verlässlich berechnen. Sie gibt die Zahl der Todesfälle auf die Gesamtbevölkerung gerechnet an.

Die Letalitätsrate dagegen bezieht sich auf die Zahl der Todesfälle bei den Infizierten. Da wir aber nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer ist, also die Zahl der Infizierten, die keine Symptome haben bzw. nicht getestet wurden, lässt sich darüber aktuell keine Aussage treffen. Zur Zeit lässt sich nur die CFR (Case Fatality Rate) ermitteln, also die Zahl der Verstorbenen bei den positiv Getesteten.

Um diese Zahlenlücken zu schließen, werden immer mehr Querschnittsanalysen gemacht. Das heißt, die Forscher testen eine möglichst große, repräsentative Bevölkerungsgruppe, egal ob sie Symptome hat oder nicht. Ein Beispiel ist die so genannte Heinsberg-Studie. Zusätzlich werden in ebenfalls repräsentativen Gruppen jetzt Antikörpertests durchgeführt, um zu sehen, wie viele Menschen schon infiziert waren.

Diese Wissenschaften sind für die Corona-Erforschung von zentraler Bedeutung

Kein anderes Ereignis hat den Alltag der Menschen seit dem zweiten Weltkrieg derart einschneidend und anhaltend verändert wie die Corona-Pandemie. Nachdem sich das Virus in einigen Regionen rasend schnell verbreitete und viele Menschenleben gefordert hatte, haben die meisten Regierungen Maßnahmen ergriffen, um eine Verbreitung zu verlangsamen.

Gleichzeitig haben Wissenschaftler aus Disziplinen, die sonst meist im Verborgenen arbeiten, versucht, möglichst schnell Fakten zu liefern, um den politisch Verantwortlichen Entscheidungshilfen zu geben und der Bevölkerung die Maßnahmen verständlich zu machen. Viele Fachbegriffe, die früher kaum jemand kannte, sind plötzlich überall zu hören oder zu lesen.

Es sind vor allem zwei Disziplinen, die im Fokus stehen. Die Virologen erforschen das Virus an sich. Dazu gehören mehrere Aspekte. Sie analysieren die genetische Struktur des Virus. Daraus lassen sich unter anderem Rückschlüsse auf den Ursprung ziehen. Das ist vor allem deswegen von zentraler Bedeutung, weil man mit diesem Wissen einen Impfstoff und Medikamente entwickeln kann. Außerdem erforschen sie die Mechanismen, mit denen das Virus in unserem Körper wirkt. Das hilft auch bei der Entwicklung von Medikamenten und der Therapie des Krankheitsverlaufes.

Strassenbahn-Gelenkzug, innen, Menschen mit Mundschutz im Bild, sitzend, stehenmd (Foto: SWR)
Wo sich Menschen in geschlossener Umgebung zu Corona-Zeiten begegnen, bleibt die Frage: Wer steckt wen an?

Die Epidemiologie - Wissenschaft von Krankheiten, die über das ganze Volk verbreitet sind - befasst sich mit der Verbreitung, den Ursachen und Folgen von Pandemien, aber auch anderen Erkrankungen, die weit verbreitet sind. Es ist eine mathematik-lastige Disziplin, die wichtig ist, um die Gesamtsituation einschätzen zu können. Von ihr stammen viele der Kennzahlen, die in den Nachrichten allgegenwärtig sind.

Daneben sind noch einige andere Disziplinen wie Infektiologie, Genetik oder Mikrobiologie an der Erforschung beteiligt. Alle Forscher arbeiten eng zusammen, um das komplexe Pandemiegeschehen verstehen zu können.

Weshalb die Zahlen der Wissenschaftler trotz der Unsicherheiten wichtig sind

Es reicht eigentlich schon der Blick nach Norditalien oder New York, wo Corona-Tote mit Lkw und Kühllastern abgeholt werden, um zu erkennen, wie gefährlich dieses Virus ist. Dass die Wissenschaft in so kurzer Zeit noch keine finalen Zahlen liefern kann, ist völlig normal, da eine Pandemie immer ein komplexes Geschehen mit vielen Variablen ist. Auch wenn sich Forscher widersprechen, ist das kein Zeichen dafür, dass ihre Aussagen nichts wert sind. Im Gegenteil.

Fazit

Verlauf der Corona-Pandemie Reproduktionszahl R – Warum ist die Zahl so wichtig und was sagt sie aus?

Die sogenannte Reproduktionszahl R ist eine der wichtigsten Kennzahlen in der Corona-Pandemie. Auf ihr liegt momentan auch der Fokus in den Berichten des Robert-Koch-Instituts (RKI).  mehr...

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