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Viele Patienten meiden derzeit den Gang ins Klinikum, zum Arzt oder in die Notaufnahme, weil sie befürchten, sich mit Covid-19 anzustecken.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

270.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall. Wenn schnell Hilfe erfolgt, können die Folgeschäden klein gehalten werden. Warten Patienten zu lange damit, den Notarzt zu rufen, drohen schwerwiegende Komplikationen.

Wenn Corona-Angst zum fatalen Fehler wird

Doch aufgrund der Corona-Krise haben gerade viele ältere Patienten Angst, sich in Kliniken mit dem Corona-Virus anzustecken und verhindern so, dass ihnen rechtzeitig geholfen wird. Darauf verweist die Deutsche Schlaganfallhilfe.

Dasselbe gilt auch bei Herz-Kreislauferkrankungen, fast 345.000 Menschen sterben jährlich daran, 47.000 davon am Herzinfarkt. Auch hier kann es sich fatal auswirken, wenn erste Anzeichen eines Infarktes nicht ernst genommen werden und Menschen aus Angst vor einer Covid-19-Infektion nicht in die Notaufnahme kommen oder den Rettungsdienst rufen.

In Neuwied musste dies ein 81-jähriger Mann mit dem Leben bezahlen. Aus Angst vor einer Infektion sagte er einen vereinbarten Arzt-Termin ab und kam nach akuten Beschwerden dann viel zu spät in die Notaufnahme. Dort brach er tot zusammen. Die Ärzte konnten ihn nicht mehr retten, hätten ihm aber helfen können, wenn er seine Symptome nicht verschleppt hätte.

Kliniken im ganzen Land verzeichnen einen auffälligen Rückgang bei Schlaganfall- und Herzinfarkt-Patienten, etwa 20 bis 30 Patienten weniger pro Tag kommen in Notaufnahme und Kliniken.

EKG - Diagramm, Arzt zeigt auf Impuls-Spitzen in der Messung (Foto: SWR)
Wer aus Angst vor einer Corona-Infektion auf Herz-Diagnostik verzichtet, kann seine Gesundheit riskieren.

Das Infektionsrisiko in Kliniken ist gering

Die Krankenhäuser im Land trennen die Stationen für Covid-19-Patienten konsequent von anderen Bereichen. Das Risiko, sich dabei mit dem Corona-Virus zu infizieren, wird geringer eingeschätzt als einzukaufen oder in die Stadt zu gehen. Herzinfarkt und Schlaganfall hingegen seien immer ein Notfall, der sofort ärztliche Behandlung erfordert.

Bei Notfällen immer schnell die 112 anrufen

Typische Schlaganfall-Symptome sind:

  • Plötzlich einsetzende Schwäche oder Lähmung auf einer Körperseite, etwa eines Armes, Beines oder im Gesicht
  • Plötzliche Sprachschwierigkeiten in Verbindung mit einer Lähmung
  • Sehstörungen wie zum Beispiel Doppelbilder
  • Schwindel mit Gangunsicherheit
  • Plötzliche Bewusstseinseintrübung bis zur Bewusstlosigkeit
  • Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit
  • Plötzlich auftretende sehr starke Kopfschmerzen

Dann sollte man sofort die 112 rufen: Denn "Time is brain", sagen die Neurologen: "Zeit ist Gehirn". Beim Schlaganfall ist ein Blutgefäß verstopft oder verletzt, in dem Fall gibt es eine Einblutung ins Gewebe, im ersten Fall wird die Durchblutung von Hirnarealen gestört. Beides führt zu Ausfällen der entsprechenden Gehirn-Areale und muss schnellstmöglich behoben werden, damit es keine dauerhaften Folgeschäden wie Lähmungen oder Sprachproblemen gibt.

Der FAST-Test der Schlaganfall-Hilfe

Eine App kann Laien helfen zu erkennen, ob ein Schlaganfall vorliegt. Die dreisprachige App – deutsch, englisch, türkisch – kann kostenlos in den normalen Stores von Google oder Apple runtergeladen werden. "FAST" steht dabei für die englischen Begriffe "face", "arm", "speech" und "time", auf Deutsch: Gesicht, Arm, Sprache, Zeit.

Eine einfache Anleitung hilft, typische Schlaganfallsymptome zu entdecken:

  1. Bitten Sie den Betroffenen zunächst um ein Lächeln. Hängt ein Mundwinkel herab, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin.
  2. Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, ein Arm senkt oder dreht sich.
  3. Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.

Aus der App heraus kann sogar ein Notruf abgesetzt werden! Das sollte bereits erfolgen, wenn nur eine der drei Reaktionen auffällig ist.

Die gefährliche Vorstufe von Schlaganfällen: TIA’s

Viele Schlaganfälle kündigen sich durch kleinere neurologische Ausfälle an, die sogenannten TIA’s. Das sind sogenannte transitorische, ischiämische Attacken, also vorübergehende Durchblutungsstörungen im Gehirn.

Computertomografie des Gehirns - Schlaganfall, rechtseitig (Foto: SWR)
Computertomografie des Gehirns bei einem rechtseitigen Schlaganfall

Sie machen ähnliche Probleme wie ein richtiger Schlaganfall, die Symptome bilden sich aber relativ schnell wieder zurück. Auch so eine Episode sollten Patienten unbedingt ernst nehmen und abklären lassen, denn sie sind häufig nur Vorboten eines großen Schlaganfalls. Werden sie rechtzeitig medizinisch untersucht und die Ursache behoben, kann oft Schlimmeres verhindert werden.

An der Unimedizin Mainz wurde beobachtet, dass im März 50 Prozent weniger Patienten mit solchen Symptomen in die Klinik gekommen sind. Fatal, denn ein dann erfolgender Schlaganfall kann um so schlimmer sein.

Es gilt: Auch ein kleiner Schlaganfall muss unbedingt ernst genommen werden.

Was tun bei einem Schlaganfall?

Was tun bei Schlaganfall?

Kontrolle der Halsschlagader. (Foto: SWR, SWR -)
Kontrolle der Halsschlagader. SWR - Bild in Detailansicht öffnen
Notarzt im Rettungshubschrauber. SWR - Bild in Detailansicht öffnen
Ein Rettungswagen bringt einen Patienten in die Heidelberger Kopfklinik. SWR - Bild in Detailansicht öffnen
Trombektomie OP SWR - Bild in Detailansicht öffnen
Herausziehen eines Blutgerinnsels aus Hirnarterie. SWR - Bild in Detailansicht öffnen
Röntgenkontrolle während Trombektomie OP. SWR - Bild in Detailansicht öffnen

Corona-Angst kann Herzinfarkte gefährlicher machen

Typische Herz-Infarkt-Symptome sind:

  • Schmerzen oder ein unangenehmes Engegefühl im Brustkorb - Angina pectoris und/oder Luftnot
  • Herzrasen mit Einschränkung der Belastbarkeit
  • Hartnäckiges Herzstolpern
  • Kurze Bewusstlosigkeiten: Synkopen
  • Schwindelanfälle, drohende Bewusstlosigkeiten

Aus Angst vor einer Infektion mit dem Corona-Virus sind in den letzten Wochen etliche Herzpatienten zu spät in die Kliniken gekommen, beobachten Mediziner. Kardiologen sehen inzwischen oft Komplikationen, die sich erst aus zu langem Zuwarten der Patienten ergeben und die durch eine rechtzeitige kardiologische Behandlung hätten vermieden werden können. Solche Patienten sehen sie normalerweise nur zweimal im Jahr, seit der Corona-Krise aber gehäuft.

Fachärzte können bei Herzinfarkt-Symptomen feststellen, ob eine Herzrhythmusstörung als Folge einer koronaren Herzkrankheit vorliegt oder ob Probleme mit den Herzklappen oder eine Herzschwäche sich hinter den Symptomen verbirgt. Unbehandelt können diese Erkrankungen zu schwerwiegenden Komplikationen führen, warnen Fachärzte.

Mit digitalen Helfern Herzprobleme frühzeitig erkennen

Eine positive Überraschung erlebten kürzlich Kardiologen an der Mainzer Unimedizin: Eine 80-jährige Mainzer Herzpatientin wurde von ihrem Hausarzt an die Chest Pain Unit überwiesen. Der Arzt hatte sich die Aufzeichnungen ihrer Smart Watch angeschaut und festgestellt, dass die Kurve typische Anzeichen einer schweren, akuten Herzdurchblutungsstörung zeigte. Kollegen an der Unimedizin konnten die Dame vor dem bevorstehenden Infarkt durch eine Herzkatheter-Untersuchung retten, in der sie eine Ballon-Dilatation vornahmen und Stents einsetzten.

Digitale Diagnosehelfer können folglich Leben retten. Eine EKG-Funktion hat zum Beispiel die Apple-Watch. Auch Smartphones können entsprechende Funktionen erfüllen.

Schlaganfall und Herzinfarkt sind Notfälle

Neurologen und Kardiologen appellieren gerade an ältere Patienten, sich mit Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Symptomen unbedingt in Behandlung zu begeben und diese nicht aus Angst vor einer Infektion mit Covid-19 aufzuschieben.

Fazit

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