Vor allem Frauen werden zu Opfern

Häusliche Gewalt nimmt zu

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Häusliche Gewalt richtet sich in 80,5 Prozent der Fälle gegen Frauen. Meist geht sie von Partnern oder Ex-Partnern aus. Jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren wurde bereits einmal in ihrem Leben von ihrem (Ex-)Lebensgefährten misshandelt.

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Wie viele Fälle von häuslicher Gewalt gibt es in Deutschland?

Allein im Jahr 2020 wurden laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes 146.655 Fälle häuslicher Gewalt mit 148.031 Opfern in Deutschland angezeigt. Damit gab es 4,4 Prozent mehr Opfer als im Jahr 2019. Doch die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, denn nur etwa jedes fünfte Opfer sucht Hilfe.

Jeden Tag versucht laut Bundeskriminalamt in Deutschland ein Mann, seine Frau zu töten – 139 Frauen starben allein im Jahr 2020 durch die Gewalt ihres Partners oder Ex-Partners.

Warum ist häusliche Gewalt besonders schlimm für die Opfer?

Häusliche Gewalt ist sowohl körperlich als auch seelisch besonders belastend, weil sie zu Hause stattfindet - an einem Ort, der eigentlich Schutz und Geborgenheit vermittelt und von einem Menschen ausgeht, dem man vertraut.

Oft entstehen diese Taten nicht spontan, sondern stehen am Ende einer langen Gewaltspirale. Täter sind nicht nur Partner, sondern auch Väter, Brüder, Mütter, Schwestern oder andere Familienmitglieder. Frauen werden aufgrund ihrer Rolle und ihres Ranges zum Opfer. Wer glaube, der Mann habe das Recht auf Sex oder das Recht, die Frau zu dominieren, neige eher zur manchmal auch tödlichen Gewalt, so die Einschätzung von Experten.

  • Da nur jedes fünfte Opfer Hilfe sucht, geht die Polizei davon aus, dass die Dunkelziffer viel größer ist, weil die Straftaten nicht immer angezeigt werden.
  • Bei fast 38 Prozent aller Tatverdächtigen handelt es sich um einen ehemaligen Partner. Aber auch der Ehemann oder der Freund sind häufig Täter.
  • Das Problem geht durch alle Bevölkerungsschichten.
  • Oft schweigen die Betroffenen aus Scham oder weil sie und ihre Kinder finanziell vom Partner abhängig sind.

Nur rund 20 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt erstatten eine Anzeige. Der Großteil der Täter bleibt so unbestraft.

Wo finden betroffene Frauen Hilfe?

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" des Bundesamtes für Familien ist unter der Telefonnummer 08000 116 016 an 365 Tagen rund um die Uhr erreichbar. Der Anruf ist kostenlos und die Beratung in vielen Sprachen möglich. Dort erhalten Frauen Informationen zum Opferschutz und zur Strafverfolgung sowie Kontakt zu den Unterstützungseinrichtungen in ihrer Nähe, zum Beispiel zu Interventionsstellen und Frauenhäusern, aber auch zu Beratungsstellen, die sich auf die Situation von Kindern spezialisiert haben, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

In Rheinland-Pfalz gibt es 17 Frauenhäuser, die Rat erteilen oder Zuflucht gewähren. Zudem gibt es den Frauennotruf Mainz e.V., der zu sexualisierter Gewalt berät.

Eine medizinische Soforthilfe nach einer Vergewaltigung finden Frauen an diesen Kliniken in Rheinland-Pfalz:

  • Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein Kemperhof Koblenz
  • Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit, Universitätsmedizin Mainz
  • Frauenklinik Klinikum Worms
  • Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen Trier

Wie kann die Forensische Ambulanz Opfern helfen?

Wer seinen Partner wegen häuslicher Gewalt anzeigt, braucht gerichtsverwertbare Beweise. Diese stehen bei der medizinischen Versorgung oft im Hintergrund und gehen so verloren.

Wer seinen Partner wegen häuslicher Gewalt anzeigen möchte, braucht gerichtsverwertbare Beweise. (Foto: SWR, SWR -)
Bei Anzeigen müssen Beweise vorhanden sein, die gerichtsverwertbar sind. SWR -

Die Forensische Ambulanz am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz hat es sich wie zahlreiche andere öffentliche Stellen in Rheinland-Pfalz zur Aufgabe gemacht, Opfer von häuslicher Gewalt im Hinblick auf mögliche Konsequenzen und gegebenenfalls erforderliche weitere medizinische Untersuchungen und Maßnahmen zu beraten.

Sie unterstützten - auch wenn eine gerichtliche Auseinandersetzung nicht gleich gewünscht wird - eine sichere Dokumentation von Verletzungen und verwertungssichere Asservierung von Probenmaterial. Außerdem helfen sie beim Start in einen psychischen Verarbeitungsprozess des Traumas.

Die Rechtsmedizinerin Dr. Cleo Walz und ihre Kolleginnen haben allein im letzten Jahr 60 Gewaltopfer untersucht und viele beraten. (Foto: SWR, SWR -)
Dr. Cleo Walz kümmert sich um Gewaltopfer. SWR -

Die Rechtsmedizinerin Dr. Cleo Walz und ihre Kolleginnen untersuchen und beraten rund 60 Gewaltopfer pro Jahr.

Es macht Sinn, innerhalb 72 Stunden nach dem Vorfall eine Spurensicherung durchzuführen. Das muss man davon abhängig machen, wieviel Körperreinigung erfolgt ist. Da muss man drauf achten, dass man sich, auch wenn es unangenehm ist, nach dem Vorfall nicht wäscht, keine Körperreinigung durchführt.

Um gerichtsverwertbare Beweise zu erhalten, brauchen die Rechtsmediziner DNA-freies Untersuchungsmaterial. Ein Set mit einer genauen Anleitung zur Spurensicherung kann aber auch an Ärzte verschickt werden.

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SWR Fernsehen