Bedrohte Art erhält Titel

Braunkehlchen ist Vogel des Jahres 2023

STAND

Weit weg, auf dem afrikanischen Kontinent, warten die Braunkehlchen derzeit auf den Frühling - und haben ihren Triumph im fernen Deutschland wohl gar nicht mitbekommen: Mit mehr als 60.000 Stimmen wurde der kleine Wiesenbrüter zum Vogel des Jahres 2023 gewählt. Ein Titel, der auch auf seinen schweren Stand aufmerksam machen soll - geht doch die Art stark zurück und droht, zu verschwinden.

Video herunterladen (126,1 MB | MP4)

So war das Braunkehlchen noch Mitte des letzten Jahrhunderts (1950) in ganz Rheinland-Pfalz ansässig. Heute ist die Population auf den Westerwald begrenzt. Der Titel "Vogel des Jahres" soll nun helfen, die Situation der Art bundesweit zu verbessern. Wird nichts getan, ist die Art laut Experten in den nächsten zehn Jahren verschwunden.

Warum es auch "Wiesenclown" genannt wird

Der 12 bis 14 Zentimeter kleine Singvogel ernährt sich gerne von Fliegen, Spinnen und kleinen Schnecken. Im Sommer und Herbst ergänzen noch Beeren seinen Speiseplan. Weibchen und Männchen unterscheiden sich optisch übrigens kaum. So ist das Männchen lediglich etwas stärker orange-braun gefärbt als das Weibchen. Mit seiner orangefarbener Brust und dem weißen Strich über dem Auge, wird er auch gerne als "Wiesenclown" bezeichnet.

Perfekt getarnt vor seinem Nest: Braunkehlchen sind Bodenbrüter (Foto: SWR)
Perfekt getarnt vor seinem Nest: Braunkehlchen sind Bodenbrüter

Mit 15 bis 24 Gramm gehört das Braunkehlchen zu den Leichtgewichten im Vogelreich. Dafür beeindruckt es mit seinem melodiösen Gesang. Am liebsten trällert es seine Strophen von sogenannten "Ansitzwarten". Das können Holzpfähle oder hohe Stauden sein, von denen aus der zierliche Vogel mit Gesang sein Revier absteckt, Weibchen anlockt oder Jagdflüge startet.

Braunkehlchen leben in Wiesen

Das Braunkehlchen gehört zur Familie der "Fliegenschnäpper" und zur Gattung der "Wiesenschmätzer" - schon die Namen lassen seinen Lebensraum vermuten. Und tatsächlich lebt und jagt der Insektenfresser von April bis September in artenreichen Magerwiesen und auf Brachflächen. Ab Mitte September dann gehen die Tiere aber auf die Reise. Braunkehlchen sind "Langstreckenzieher" und überwintern in die tropischen Regionen Afrikas. Auf ihrem Weg ins Winterquartier legen die Tiere mehr als 5.000 Kilometer zurück.

In Rheinland-Pfalz nur noch im Westerwald

Mehr als 75 Prozent der weltweiten Braunkehlchen-Population lebt in Europa. Mitte des letzten Jahrhunderts kam der Wiesenvogel bei uns flächendeckend vor. Durch die Industrialisierung der Landwirtwirtschaft nahm die Zahl der Brutpaare aber dramatisch ab.

Von sogenannten Ansitzwarten aus starten die Tiere ihre Jagdflüge (Foto: SWR)
Von sogenannten Ansitzwarten aus starten die Tiere ihre Jagdflüge

Mitte der 1980er-Jahre gab es in Rheinland-Pfalz noch 1.500 Brutpaare, davon lebten 1.200 allein im Westerwald. Heute können in dieser Region nur noch 150 Brutpaare gezählt werden. Mit seiner kleinstrukturierten Landwirtschaft bietet der Westerwald dem Wiesenbrüter (noch) einen attraktiven Lebensraum, mit geeigneten Wiesenflächen. Hier baut er sein Nest und zieht die Jungen groß.

In ganz Europa bedroht

Doch solche Lebensräume schwinden zusehends. Mittlerweile steht das Braunkehlchen in ganz Europa auf der Roten Liste. In Deutschland leben schätzungsweise noch zwischen 19.500 und 35.000 Paare. Ein dramatischer Rückgang der Vögel, den die Wissenschaft eindeutig auf den Rückgang von Insekten und den Verlust von artenreichen Wiesen zurückführt. Um diesen Rückgang zu stoppen, müssten Schutzprogramme ausgebaut und verlängert werden. Der Titel "Vogel des Jahres 2023" soll dabei helfen, die Art in Deutschland zu retten.

STAND
AUTOR/IN
SWR Fernsehen