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Bei jeder Bewegung belasten wir unsere Gelenke. Fehlstellungen, falsche Ernährung und zu wenig Bewegung beeinflussen unsere Gelenke. Dr. Peter Krapf, Orthopäde aus Trier und Arthrose-Experte, hat uns verraten was bei Arthrose alles zu beachten ist.

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Was ist Arthrose eigentlich und wie entsteht sie?

Bewegung ist erst durch Gelenke möglich. Die Knochenenden, die hier kommunizieren sind von einem wenige Millimeter dicken Knorpel "überzogen". Bei anhaltender Überbelastung wird diese Knorpelschicht immer dünner, bis schließlich der Knochen freiliegt.

Eine Arthrose ist deshalb stets ein Knorpelschaden mit Knochenveränderungen. Wenn der Knorpel so weit geschädigt ist, dass die Knochenoberfläche freiliegt, treten Schmerzen auf. Denn im Knorpel selbst finden sich keine Schmerzrezeptoren.

Wer bekommt Arthrose? Wer ist besonders betroffen?

Jedes Gelenk kann es betreffen. Ich will damit sagen, dass Arthrose nicht nur eine Frage des Alters ist.

  • Jeder Zwanzigste unter 30 Jahren ist bereits betroffen.
  • Jeder vierte Erwachsene hat Arthrose.
  • Mehr als 75 Prozent der über-50-Jährigen leiden darunter.

Am häufigsten sind die Kniegelenke betroffen, gefolgt von den Hüften und der Wirbelsäule. Die Ursachen einer Arthrose im jüngeren Alter sind vielfältig. So kommen Gelenkfehlstellungen, Übergewicht, Gicht, Leistungssport, Verletzungen sowie Folgen von Meniskusoperationen und Kreuzbandverletzungen in Betracht.

Kann ich - auch wenn ich Schmerzen habe - Sport treiben?

Unbedingt, denn der Knorpel ist nicht an die Blutbahn angeschlossen, die die Organe versorgt. Deshalb kann der Knorpel sich nicht direkt ernähren und ist auf die Diffusion von Nährstoffen angewiesen. Dies geschieht durch ein Wechselspiel von Belastung und Entlastung. Genauso werden die anfallenden Abbauprodukte entsorgt. Dieses Wechselspiel wird erst durch Bewegung ermöglicht. Somit ist Bewegung für den Stoffwechsel des Knorpels unentbehrlich. Leider ist unsere heutige Lebensweise geprägt durch Fehlbelastung, Fehlernährung, Stress – und Bewegungsmangel. Wir fahren mit dem Auto, das in der Garage oder vor der Haustür steht, zur Arbeit. Wir hocken den ganzen Tag im Büro am Schreibtisch, höchstens zum Kaffeekochen stehen wir auf. Nach der Arbeit fahren wir nach Hause, um dann vor dem Fernseher zu sitzen. Es verwundert nicht, dass die meisten Menschen in unseren Breiten weniger als tausend Meter am Tag zu Fuß zurücklegen. Bei diesem Alltag wird dazu noch unser Rücken ständig fehlbelastet, was die Wirbelgelenke zunehmend schädigt. Das Wechselspiel zwischen Belastung und Entlastung ist gestört, die Nährstoffversorgung reduziert und der Abtransport der Schadstoffe blockiert.

Dr. Peter Krapf (Foto: SWR)
Der Orthopäde Dr. Peter Krapf aus Trier weiß, dass es nicht nur eine Behandlungsmöglichkeit gegen Arthrose gibt und betont, selbst bei Schmerzen, hilft Bewegung den Gelenken.

Welchen Sport kann ich machen, wenn ich unter Arthrose leide?

Auf stop-and-go-Sportarten sollte weitgehend verzichtet werden. Gemeint ist hiermit zum Beispiel Volleyball, Handball, Squash, alpines Skifahren oder Fußball. Ich empfehle hier gelenkschonendere Sportarten, wie Schwimmen, Radfahren, Skilanglauf, Walking oder Nordic Walking. Ambitionierten Fußballern empfehle ich: Wenn das Herz so daran hängt, reduzieren Sie wenigstens den Trainingsumfang und spielen Sie dann nicht mehr so hochklassig.

Was sollten Arthrose-Patienten in Bezug auf Ihre Ernährung beachten?

Eine "knochenfreundliche" Ernährung hilft zur Vorbeugung von Arthrose, aber auch zur Schmerzlinderung bei bestehender Arthrose. Ganz oben auf der Speisekarte sollte eine kalziumreiche Kost stehen. Unabdingbar für eine optimale Nutzung des mit der Nahrung aufgenommenen Kalziums ist die gleichzeitige adäquate Versorgung mit Vitamin D. Bei Patienten mit Arthrose sollte ein Mangel ausgeschlossen werden. Vitamin D fördert die Kalziumresorption und den Einbau in den Knochen. Magnesium aktiviert das Vitamin D. Hier sollte an ein magnesiumreiches Mineralwasser gedacht werden. Mit zunehmendem Alter verlieren wir an Muskelmasse, die wir für die Gelenkstabilisierung dringend benötigen. Wer eine kräftige, stabile Muskulatur haben möchte, der braucht aber genügend Eiweiß. Tendenziell sollte hier pflanzliches Eiweiß bevorzugt werden.

Schon länger wird vermutet, dass eine auch schon geringgradige Übersäuerung des Organismus sich auch auf die Gelenke auswirkt und Beschwerden verstärkt. Auch haben ein Vitamin B9 und B12 Mangel direkte Auswirkungen auf unsere Knochen.

Fleisch (Foto: SWR)
Unsere typisch westliche Ernährung - hoher Fleischkonsum, geringe Zufuhr an Obst und Gemüse - führt zu einem Ungleichgewicht im Säure/Basen-Haushalt, weiß Dr. Peter Krapf.

Was raten sie Patienten mit Arthrose - wie sollen sie mit ihrer Krankheit umgehen?

Ein operativer Eingriff sollte möglichst vermieden werden. Es ist eine besondere Herausforderung, gerade junge, von Arthrose geplagte Menschen zu behandeln.

Ziel muss es sein, das körpereigene Gelenk möglichst lange zu erhalten. Eine Prothese sollte die "letzte Wahl" sein, auch da ihre Haltbarkeit begrenzt ist.

Man kann sie auch nicht nach Belieben immer wieder austauschen. Wer heute Mitte zwanzig ist und eine Prothese trägt, kann nicht erwarten, dass sie bis zum Lebensende hält. Es ist also ungleich schwieriger, einen unter-30-Jährigen mit Arthrose dauerhaft zu behandeln, als einen Über-70-Jährigen.

Wann ist eine Operation unumgänglich? - oder anders gefragt: Kann man eine Operation vermeiden?

20 Prozent der Patienten, die mit einem künstlichen Kniegelenk leben, sind mit ihrer Prothese dauerhaft unzufrieden. Lockerungen, Infektionen, aber auch Bewegungseinschränkungen und Schmerzen gehören zu den häufigsten Gründen.

So empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik: "In jedem Fall müssen vor einer Prothesenimplantation alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft werden."

Wenn das Gelenk irreparabel geschädigt ist, die Schmerzen stetig zunehmen, dauerhaft über Monate Schmerzen, Medikamente und Physiotherapie nicht mehr helfen, die Muskulatur immer schwächer wird und die Lebensqualität abnimmt, dann ist der Zeitpunkt gekommen.

Dr Peter Krapf (Foto: SWR)
Dr. Peter Krapf ist auf Arthrose spezialisiert und erklärt, was man mit Sport, Ernährung oder mit der Kernspinresonanztherapie alles behandeln kann.

Welche alternativen Behandlungsmethoden gibt es und wie erfolg-versprechend sind sie?

Ich schätze Kernspin – nicht nur zur Diagnose, sondern auch als Therapie. Das heutzutage zur Behandlung der Arthrose genutzte Kernspin-Resonanz-Therapiesystem nutzt die Kernspintechnologie, um eine gezielte Energiezufuhr in das verletzte Gewebe zu ermöglichen und Regenerationsprozesse zu fördern, mit dem Ziel operative Eingriffe zu vermeiden. Die Kernspinresonanztherapie setzt damit kausal, also direkt an der Ursache der Erkrankung an. Auch die Therapie mit Hyaluronsäure, eine natürliche Substanz, die in unseren Gelenken selbst gebildet wird, ist ein wichtiger Bestandteil der konservativen Arthrosetherapie. Sie kann direkt in das Gelenk, an den Ort des Geschehens gespritzt werden. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Gelenkflüssigkeit, wird als Schmiermittel benötigt und hemmt zudem die Aktivität der knorpelabbauenden Enzyme. Sie verbessert die Gelenkbeweglichkeit und schützt den noch vorhandenen Knorpel.

Gibt es auch naturheilkundliche Behandlungsmethoden ?

Heutzutage besteht eine steigende Nachfrage nach etablierten naturheilkundlichen Therapieverfahren. Nicht zuletzt wegen der gefürchteten Nebenwirkungen der Schmerzmittel. Hier empfehle ich gerne Ingwer. Man sagt ihm nach, dass er Schmerzen – insbesondere Muskelschmerzen – lindere und helfe die Beweglichkeit bei Arthrose zu verbessern.

Da Ingwer gut verträglich ist, stellt er eine Alternative zu den üblichen Schmerzmitteln dar – ein Behandlungsversuch lohnt sich auf jeden Fall.

Aber man muss ihn auch mögen. Jemandem, der Ingwer nicht mag, kann ich nicht empfehlen diesen täglich über Wochen oder Monate zu sich zu nehmen. Denn mit einem direkten Wirkungseintritt ist nicht zu rechnen. Ingwer kann roh oder als Tee eingenommen werden. Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Medikamente: Ingwer hat ebenfalls eine gerinnungshemmende Wirkung!

Ein anderer Tipp ist Hagebuttenpulver. Dieses kann man beispielsweise in den Joghurt einrühren. Es zu trinken hilft hier nicht, da die Wirkstoffe – im Gegensatz zum Ingwer – nicht wasserlöslich sind. Zur äußerlichen Anwendung eignen sich auch Cayennepfeffer, Beinwell- bzw. Arnikasalbe oder auch Pfefferminzöl. Als Mykotherapeut empfehle ich gerne Vitalpilz-Präparate. Ihre wertvollen Inhaltsstoffe machen sie interessant. Zur Arthrosebehandlung eignen sich insbesondere die Vitalpilze Maitake, Shiitake und Reishi. Sie enthalten für die Gelenkstruktur wichtige Vitamine, Mineralstoffe und lebensnotwendige Spurenelemente, helfen Schmerzen fast ohne Nebenwirkungen zu lindern, Schwellungen zu mindern und schmerzhafte Muskelverspannungen zu lösen.

Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln?

Ich weiß, viele Kollegen halten nichts von einer alternativen Arthrosetherapie oder Nahrungsergänzungsmitteln, obwohl sie tagtäglich diese selbst oft unbewusst empfehlen und verordnen. Sind sie oder ihre Familie aber plötzlich selbst betroffen, ändert sich erfahrungsgemäß diese Einstellung. Ich schätze hier insbesondere Glucosamin- und Chondroitinsulfat. Sie sind natürliche Bestandteile unseres Knorpels. Sie können Schmerzen lindern, die Gelenkbeweglichkeit verbessern und den Arthroseverlauf bremsen. Eine Schmerzlinderung ist dadurch allerdings nicht sofort zu erwarten, sondern erst nach drei bis sechs Wochen. Ist es nach drei bis vier Monaten noch zu keiner Besserung gekommen, sollte die Therapie abgebrochen werden. Auch Kollagen-Hydrolysat (reines Eiweiß) ist für die Stabilität und den Aufbau des Knorpels von Bedeutung. In Studien reduzierte es bei Arthrose Schmerzen und somit den Schmerzmittelbedarf.

Anmerkungen:

Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Kosten für eine Reihe von Arthrose-Therapien, aber bei weitem nicht für alle. So werden in der Regel die Kosten für Orthesen und Physiotherapie erstattet. Meistens nicht erstattet, werden dagegen die Kosten z.B. für die Blutegel-Therapie oder das Spritzen von Hyaluronsäure. Definitiv nicht übernommen, wird nach heutigem Stand die Kernspinresonanztherapie.

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