Wenn Arzneimittel nicht erhältlich sind Problem Medikamentenknappheit

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18:45 Uhr
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SWR Fernsehen RP

Es gibt rund 50.000 Medikamente auf dem deutschen Markt, und häufiger als früher sind phasenweise einige im Handel nicht erhältlich. Im Jahr 2018 waren es 264 Medizinprodukte, für die seitens der Hersteller Engpässe gemeldet wurden.

Da es für nicht verfügbare Medikamente keine Meldepflicht gibt, war die tatsächliche Zahl deutlich höher. Und manche Lieferengpässe produziert unser Gesundheitssystem selbst:

  • Einerseits ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass man mit dem identischen Medikament die Apotheke verlässt, das der Arzt auf dem Rezept aufgeschrieben hat.
  • Andererseits werden Apotheken manchmal gar nicht erst mit dem verschriebenen Präparat beliefert oder dürfen es aus Vertragsgründen nicht abgeben.

Welche Rolle spielen Krankenkassen bei der Medikamentenknappheit?

Krankenkassen schließen mit Pharma-Unternehmen Rabattverträge für gängige, beliebte Medikamente. Das ist von Kasse zu Kasse verschieden, und so können zwei Patienten, die die gleiche Krankheit haben, mit verschiedenen Medikamenten von verschiedenen Herstellern versorgt werden, ganz nach Gusto der eigenen Krankenkasse.

Zwar ist der Wirkstoff und seine Dosierung gleich, aber der Wechsel der Rabattverträge ist häufiger als noch zu Beginn der Regelung 2006, so dass viele Patienten alle halbe Jahre mit anderen Packungen die Apotheke verlassen.

Aspirin - Originalprodukt und Generika liegen nebeneinander auf einer Theke (Foto: SWR)
Rabattverträge sind besonders beliebt bei sogenannten Generika, den Nachahmerprodukten von Originalpräparaten, deren Patent abgelaufen ist.

Ein gängiges Beispiel ist Aspirin, so der Orginalname. Viele Hersteller produzieren den Wirkstoff ASS, der im Aspirin steckt. Steht ein anderer Hersteller auf dem Rezept, als der, den man laut Kassenrabatt erhalten darf, muss die Apotheke das Präparat ersetzen.

  • Nur wenn der Arzt das Ersetzen auf dem Rezept deutlich ausnimmt, greift die Krankenkassenregelung nicht.
  • Das ursprünglich verordnete Präparat kann man sich natürlich zum vollen Preis selbst kaufen, das gibt die Apotheke ab.
  • Bei Einreichung des Rezeptes bei der Krankenkasse wird aber nicht der volle Preis erstattet, sondern nur der, der dem vergleichbaren Produkt entspricht, der mit Rabattvertrag versehen ist. Der Patient zahlt also drauf.

Immer wieder sind bestimmte Mittel nicht erhältlich, auch nicht im Großhandel. Betroffen können alle Medikamente sein, ob selten oder häufig genutzte und betreffen auch die verschiedensten Krankheitsbilder. Dazu gehören unter anderem:

  • Blutdrucksenker
  • andere Herzkreislauf-Medikamente
  • Medikamente für das zentrale Nervensystem
  • Asthmamittel
  • Schilddrüsenpräparate,
  • onkologische Medikamente

Wodurch wird Medikamentenknappheit ausgelöst?

  • In Ländern wie Indien oder China kommt es manchmal zu Störungen in der Medikamentenproduktion, die zum Ausfall ganzer Produkt-Chargen führen.
  • Wenn es nur ein Werk gibt, das weltweit den betreffenden Wirkstoff herstellt, ist das Dilemma da. Es fehlen Produktionskapazitäten.
  • Außerdem werden Transportwege zunehmend anfällig für politische und wirtschaftliche oder sonstige Krisen.
  • Herstellern folgen immer mehr der Praxis "just in time" zu produzieren, also keine Vorräte mehr auf Lager vor zu halten.

Funktioniert nur ein Detail in solchen Lieferketten nicht mehr, hat der Endverbraucher in Deutschland Medikamente für eine gewisse Zeit nicht mehr zur Verfügung.

Alter Tankwagen auf dem Gelände einer indischen Pharmafirma (Foto: SWR)
Technische Probleme bei der Arzneimittelherstellung im Ausland gefährden die Verfügbarkeit von Arzneimitteln bei uns.

Warum es zu Produktionsausfällen kommt, wird oft nicht deutlich kommuniziert. Manchmal erleben es Apotheken, dass bestimmte Präparate nicht mehr im Großhandel, sondern auf Sonderportalen beim Hersteller selbst bestellt werden können, dann aber nur zu minimalen Stückzahlen.

Der Pharma-Branche wird vorgeworfen, oft des Profits wegen Produktmengen an das besser bezahlende Ausland zu verkaufen.

Pharmakonzerne können so handeln, denn im Arzneimittelgesetz steht nur geschrieben, dass sie die einheimische Bevölkerung versorgen sollen, aber eben nicht müssen.

Von diesen Lieferengpässen sind auch die Krankenhausapotheken betroffen.

Wie trifft Medikamentenknappheit die Krankenhäuser?

Als im vergangenen Jahr ein gängiges Krankenhausantibiotikum knapp wurde, erlaubte das Bundesministerium für Gesundheit gar den Re-Import des Wirkstoffes aus dem Ausland, wo er zum vielfach höheren Preis angeboten wurde.

Ein Beispiel in Mainz. Die angespannte Lage ist auch in der Universitätsmedizin spürbar. Und für die Chefapothekerin mittlerweile Alltag.

Irene Krämer, Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz  (Foto: SWR)
Irene Krämer ist Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz

"Wir haben im Moment ungefähr eine Liste von 50 Arzneimitteln, für die wir Alternativen suchen müssen, weil es Lieferprobleme gibt. Da gehören ganz wichtige Arzneimittel dazu, die intravenös verabreicht werden, wie Acetylsalicylsäure oder auch bekannt als Aspirin. Das Aspirin intravenös bekommt der Herzinfarktpatient, der vom Notarzt behandelt wird, schon im Notarztwagen appliziert und die einzige Alternative ist, dass man das Aspirin dann schluckt. Das ist für manche Patienten einfach nicht möglich und so wird nicht sofort ihre Blutgerinnung gehemmt.“

Irene Krämer, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Irene Krämer und ihren Mitarbeitern bleibt nichts anderes übrig, als den Mangel zu verwalten. Wenn die Suche nach alternativen Herstellern auf dem deutschen Markt ins Leere läuft, wird importiert. Das ist meist mit höheren Kosten verbunden. Wenn alle Stricke reißen, bleibt nur die Eigenherstellung. Falls die benötigten Wirkstoffe verfügbar sind.

Wie behelfen sich die Apotheker bei Medikamentenknappheit?

Apotheker müssen oft kreativ werden. Sie sind gezwungen

  • andere Darreichungsformen anzubieten
  • verschiedene Medikamente zu kombinieren
  • mit Ärzten Ersatztherapien besprechen
  • eine geplante Impfung zu verschieben, bis der Impfstoff wieder vorhanden ist

Oft werden tatsächlich gleichwertige Lösungen gefunden, aber manchmal hat der Patient das Nachsehen, und Ärzte und Apotheker sind dafür nicht zur Verantwortung zu ziehen.

Fazit

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