Pränataldiagnostik Trisomietest für Schwangere

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Der pränatale Bluttest für Schwangere wird ab jetzt von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Das gaben der Gemeinsame Bundesauschuss von Ärzten, Kliniken und Kassen nun bekannt. Damit wurde einer langen und heftigen Debatte vorläufig ein Ende gesetzt. Aber warum sind diese Blutuntersuchungen so umstritten und welche Chancen und Gefahren bieten sie?

Warum ist der Bluttest so umstritten?

Prof. Norbert Paul vom Mainzer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin hat sich intensiv mit dem Bluttest auseinandergesetzt:

Norbert Paul  (Foto: SWR)
Prof. Norbert Paul hat sich viel mit der Diskussion um den pränatalen Bluttest beschäftigt.

"Es ist immer so, wenn eine Leistung für die Krankenkassen zugelassen werden soll, ergibt sich die Frage: ‚Wird jetzt ein solcher Test Allgemeingut und wird sozusagen die Auswahl von gesunden oder kranken Kindern in unserer Gesellschaft zu Regel?‘"

Prof. Norbert Paul, Mainzer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Welche Positionen treffen hier aufeinander?

Katharina Landini aus Mainz ist Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom. Sie ist gegen die von der Kasse gezahlten Bluttests.

Katharina Landini  (Foto: SWR)
Der Sohn von Katharina Landini hat Trisomie 21.

"Ich habe oft das Gefühl, dass die Gesellschaft Kinder wie Raphael nicht möchte. Es geht einfach um Kinder, die dasselbe haben wie Raphael und ob man die jetzt vorgeburtlich, also im Prinzip nach denen fahnden sollte. Und meistens ist es dann so, dass die Leute abtreiben."

Katharina Landini, Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom

Raphaels Eltern verletzt die Aussicht, dass durch von der Krankenkasse gezahlte Bluttests in Zukunft häufiger Kinder wie ihr Sohn nicht zur Welt kommen könnten.

Professor Norbert Paul von der Universitätsmedizin Mainz meint dazu:

"Es ist die Position, dass man in der Medizin und auch in der vorgeburtlichen Phase immer so sicher sein will, wie möglich. Wir haben heute die Erwartung junger Eltern, dass eine Schwangerschaft so risikolos und so sicher und so erfolgreich wie möglich verlaufen soll. Und das Kriterium Erfolg ist natürlich subjektiv. Da spielt die Position rein: ‚Warum sollte man die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom nicht auch als erfolgreiche Schwangerschaft ansehen?‘“

Prof. Norbert Paul, Mainzer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Wie kann sich eine solche Entscheidung gesellschaftlich auswirken?

Die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung sind zu einem hohen ethischen Gut in unserer Gesellschaft geworden. Kritiker befürchten, dass hier die Schraube zurückgedreht werden könnte, wie auch Prof. Norbert Paul beobachtet hat:

„Ein Hauptargument gegen diesen Test oder im Umfeld dieses Tests ist, dass unsere Gesellschaft verlernt, mit Menschen mit Beeinträchtigung umzugehen. Dazu muss man wissen, dass etwa fünf Prozent der Beeinträchtigungen angeboren sind, der Rest ist im Laufe des Lebens erworben, sodass die Gefahr eigentlich gering ist. Es ist allerdings schon so, dass der Test sehr niederschwellig ist, er kann sehr früh erfolgen und ist relativ kostengünstig. Wenn er jetzt jedem zur Verfügung steht, geht das glaube ich auch nur dann gut und ist ethisch und sozial rechtfertigbar, wenn man diesen Prozess entsprechend mit Beratung begleitet.“

Prof. Norbert Paul, Mainzer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Wo sind die Grenzen der pränatalen Medizin?

Je weiter sich Medizin und Biotechnologie entwickeln, desto größer wird die Versuchung, den perfekten Menschen zu kreieren.

Ultraschall-Bild  (Foto: SWR)
In der Diskussion um Pränataldiagnostik geht es vor allem um ethische Fragen.

"Aus ethischer Sicht sind die Grenzen der pränatalen Medizin genau an der Linie, wo Diagnostik und Prävention übergehen in Selektion und Vorhersage von Eigenschaften, die letztlich nur Varianten des Gesunden sind. Das ist kein medizinisches Phänomen, sondern ein kulturelles, eben ein Konkurrenzdenken und Perfektionsstreben, mit dem wir uns selbst unsere Welt klein und eng machen und ich glaube, dass wir auch in der Medizin, gerade durch Beratungsangebote, gut darauf vorbereitet sein müssen."

Prof. Norbert Paul, Mainzer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

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