Stall- oder Freilandhaltung? Fleischkennzeichnung für mehr Transparenz

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Seit Jahren möchte die Bundesregierung ein neues Tierwohllabel einführen. Passiert ist bislang nichts Konkretes. Doch nun kommt der Lebensmitteleinzelhandel mit einer neuen Fleischkennzeichnung auf den Markt.

Seit dem 1. April 2019 gilt ein neues Symbol auf Fleischverpackungen, das Auskunft darüber geben soll, wie die Tiere gehalten werden. Dieses ist jetzt auch in den Supermärkten angekommen.

Der Eichenhof in Wörrstadt: Hier werden etwa 450 Schweine gemästet. Sie kommen mit 24 Kilo auf den Hof von Christian Kussel, nach vier Monaten haben sie circa 140 Kilo und sind schlachtreif.

Betriebsleiter Christian Kussel (Foto: SWR)
Betriebsleiter Christian Kussel hat vor sechs Jahren seinen Stall komplett umgebaut.

Die Schweine haben einen Innen- und einen Außenbereich, also ständig Zugang zu frischer Luft. Außerdem hat Christian Kussel Duschen für seine Schweine eingebaut. Ab einer Temperatur von 25 Grad springen die Duschen alle 15 Minuten an. Die Schweine können sich abduschen, dies fördere ihr Wohlbefinden, sagt Kussel.

Geschlachtet werden sie zehn Kilometer entfernt in Alzey. Seinen Schweinen geht es besser als vielen anderen Artgenossen, denn die Tiere vom Eichenhof haben 50 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Sein Fleisch verkauft er überwiegend im Hofladen, nur ein kleiner Teil landet im Supermarkt. Christian Kussel ist Mitglied in der Initiative Tierwohl. In Zusammenarbeit mit dem Lebensmitteleinzelhandel hat sie jetzt eine neue Kennzeichnung auf den Markt gebracht.

Wer ist die Initiative Tierwohl?

Sie ist ein branchenübergreifendes Bündnis von Verbänden und Unternehmen der Land- und Fleischwirtschaft, sowie des Lebensmitteleinzelhandels. Ziel der Initiative ist es, das Tierwohl von möglichst vielen Schweinen, Hähnchen, Puten und Rinder zu verbessern. Finanziert wird die Initiative vom Lebensmitteleinzelhandel. Seit Januar 2015 zahlen die beteiligten Handelsketten jeweils vier Cent für ein Kilo an verkauftem Fleisch in einen Fonds ein, aus dem die Landwirte ein sogenanntens "Tierwohlentgelt" erhalten. Auch Christian Kussel aus Wörrstadt bekommt je geschlachtetem Schwein eine Vergütung, weil er seinen Schweinen bestimmte Haltungsbedingungen bietet.

Wofür steht die neue Kennzeichnung?

Sie gilt für Hähnchen-, Puten-, Rind- und Schweinefleisch. Die Haltungsform ist in vier Stufen eingeteilt.
Bei der Schweinehaltung beispielsweise entspricht die Stufe eins "Stallhaltung" dem gesetzlichen Mindeststandard. Das Schwein hat 0,75 Quadratmeter Platz und etwas Spielzeug. Die Stufe zwei: "Stallhaltung plus". Hier gibt es etwa ein Din A 4 Blatt mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial. Stufe drei "Außenklima" bedeutet wirklich mehr Platz, Kontakt mit frischer Luft und gentechnikfreies Futter. Bei der Stufe vier "Premiumfleisch" hat das Schwein noch mehr Platz, im Stall liegt Stroh und es darf raus.

Welcher Sinn steckt dahinter?

Bislang gab es auf Fleischprodukten aus dem Supermarkt viele verschiedene Bezeichnungen, Labels und Siegel. Für den Verbraucher ziemlich verwirrend. Hinzu kamen die Eigen-Bezeichnungen vieler Supermärkte. Bei Lidl zum Beispiel war es der sogenannte Haltungskompass. Die neue Kennzeichnung soll nun auf einen Blick dem Kunden zeigen, wie das Tier gehalten wurde.

Haltungsform, Fleischkennzeichnung (Foto: SWR)
Das vier stufige Modell soll dem Verbraucher aufzeigen wie das Tier gehalten wurde.

Etwa 80 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels haben sich auf diese neue Kennzeichnung geeinigt. Alexander Hinrichs ist Geschäftsführer der Initiative Tierwohl und sagt: "Die Kennzeichnung Haltungsform ist kein Label, sondern etwas anderes, so eine Art Kategorisierung in vier Stufen, die bestehende Label, die es jetzt schon auf dem Markt gibt, von Bio über Neuland bis hin zum Label des Deutschen Tierschutzbundes in ein Raster einordnet."

Was bringt es dem Verbraucher wirklich?

Wir haben Kunden in eines Mainzer Discounters gefragt, was sie von der Neuerung halten. Die Kennzeichnung ist zunächst noch gewöhnungsbedürftig, bei vielen Kunden noch nicht angekommen. Jedoch begrüßen viele Kunden die neue Kennzeichnung, weil sie Informationen liefert. Für die Verbraucherzentrale in Mainz ist dies ein Schritt in Richtung Transparenz. Allerdings sei diese Bezeichnung auch erklärungsbedürftig. Susanne Umbach, Lebensmittelexpertin bei der Verbraucherzentrale, ist wichtig, dass die Kunden wissen, dass es zwischen Stufe eins und zwei nur minimale Verbesserungen gibt.

Schwein (Foto: SWR)
Damit die Tiere im Allgemeinen eine bessere Haltung haben, müsste der gesetzliche Mindeststandard angehoben werden.

Warum gibt es Kritik?

Wer sich nicht genau mit der Thematik befasst, könnte meinen, durch die neue Kennzeichnung würde es den Tieren besser gehen. Dies ist nicht der Fall. Außerdem kritisiert die Verbraucherzentrale, dass der Kunde kaum Wahlmöglichkeiten hat zwischen den einzelnen Stufen, da überwiegend Fleisch aus den Stufen eins und zwei angeboten wird. Dem entgegnet die Initiative Tierwohl. Sollten sich im Zuge der neuen Haltungsform-Kennzeichnung die Kunden eher für Fleisch aus einer besseren Tierhaltung entscheiden, würde der Lebensmitteleinzelhandel sein Sortiment umstellen. Am Ende entscheide der Kunde.

Ein letzter Punkt: Die neue Kennzeichnung sagt ebenfalls nichts darüber aus, wie die Tiere geschlachtet wurden. Das geplante neue staatliche Tierwohllabel möchte dagegen auch diesen Punkt regeln. Es soll allerdings zunächst nur für Schweine gelten. Für Alexander Hinrichs von der Initiative Tierwohl macht das neue Label - sollte es kommen - die aktuelle Fleischkennzeichnung nicht obsolet. Möglicherweise könnte dieses neue Label dann auch in die Haltungsformen eingeordnet werden.

Fazit

Die neue Fleischkennzeichnung soll den Kunden mehr Transparenz bringen. Allerdings müssten sie mehr bezahlen, wenn ihnen Tierwohl wichtig ist. Denn Tierwohl kostet Geld. Damit es den Tieren in der Breite besser geht, müsste der gesetzliche Mindeststandard angehoben werden.

STAND