Das Problem-Kraftwerk Abrissarbeiten am AKW Mülheim-Kärlich

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Sendedatum
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18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Das Atomkraftwerk in Mülheim-Kärlich ist der "Problembau" in Rheinland-Pfalz schlechthin: Er hat mit Fehlplanungen beim Bau und Fehleinschätzungen beim Rückbau Schlagzeilen gemacht und Milliarden Kosten verursacht.

Nicht zufällig heißt der Bau in der Region "Mülheim-Kläglich". Jetzt soll dem Kühlturm, der einerseits Wahrzeichen der Region, anderseits aber auch ein Symbol für eine veraltete Technologie ist, endgültig der Garaus gemacht werden.

Das Neuwieder Becken mit dem Kühlturm des AKW Mühlheim-Kärlich (Foto: SWR)
162 Meter ragte der Kühlturm bei Mühlheim-Kärlich in die Höhe, er überragte damit den Kölner Dom.

Der Kühlturm des AKW Mülheim-Kärlich prägt seit mehr als 40 Jahren das Neuwieder Becken. Ein Symbol für eine milliardenschwere Fehlentscheidung.

Wann wurde das AKW Mülheim-Kärlich gebaut?

  • Januar 1975 war Baubeginn für Deutschlands umstrittensten Reaktor. Die Genehmigung dafür hat die damalige Landesregierung unter Ministerpräsident Helmut Kohl erteilt.
  • Der Meiler wird wider besseres Wissen auf einer Erdbebenspalte geplant. In der Atomkrafteuphorie der 1970er Jahre wollte man Fakten schaffen.
  • In zehn Jahren Bauzeit wurde der Reaktor fertig gestellt - Kosten 3,6 Milliarden Euro.
  • 1985 liefen Turbinen und Generatoren zum ersten Mal Probe. Das AKW lieferte aber erst im August 1987 Strom.

Wer hat gegen das AKW Mülheim-Kärlich protestiert?

Greenpeace-Aktivisten kletterten sogar auf den Kühlturm und befestigten in großer Höhe ein Transparent: „Stilllegen statt abschalten“. Proteste wechselten sich ab mit Gerichtsterminen.

Der Supergau von Tschernobyl 1986 bestätigte die schlimmsten Befürchtungen der Umweltbewegung. Selbst nach der Stilllegung des Meilers 1988 kehrte keine Ruhe ein: Auch gegen den Transport von Brennstäben zur Aufbereitungsanlage La Hague in Frankreich wurde protestiert.

Warum wurde das AKW Mülheim-Kärlich vom Netz genommen?

In der Geschichte des Atomkraftwerks wird im September 1988 ein entscheidendes Urteil gefällt:  Nach zwei Jahren Probe und gerade mal 100 Tagen Regelbetrieb musste der Reaktor vom Netz genommen werden.

  • Grundlage dafür war eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes, da wesentliche Teile des AKW anders gebaut worden waren als genehmigt.
  • Außerdem gab es große Zweifel an der Erdbebensicherheit. Das Kraftwerk war auf einem erloschenen Vulkankrater gebaut worden, noch dazu auf zwei unterschiedlichen geologischen Platten.
Das Neuwieder Becken bei Mühlheim-Kärlich, nach vier Jahrzehnten wieder ohne AKW-Kühlturm. (Foto: SWR)
Davon träumten AKW-Gegner lange Jahre: kein AKW-Kühlturm stört mehr den Blick auf Mühlheim-Kärlich.

Es folgten allerdings weitere zehn Jahre Rechtsstreit um das AKW. Jahrelang herrschte Ungewissheit, ob der Reaktor eines Tages wieder ans Netz gehen könnte. Ein ganzer Stab von Mitarbeitern hielt den Betrieb aufrecht, doch das Kraftwerk wurde nie mehr hochgefahren.

Die zweite wichtige Entscheidung in der Geschichte des Reaktors wurde 1998 getroffen: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bestätigte in letzter Instanz das Aus für AKW. Wegen der Erdbebengefahr sei die Baugenehmigung rechtswidrig erfolgt.

Mit dem Atomkonsens 2001 erreichte die rot-grüne Bundesregierung, dass der Stromkonzern RWE auch alle Schadensersatzforderungen gegen das Land Rheinland-Pfalz fallen ließ.

Wie verläuft der Rückbau des AKW Mülheim-Kärlich?

Maschine am Kühlturm beim Abriss der Betonhülle (Foto: SWR)
Stück für Stück wird die Betonhülle des Kühlturms abgetragen.

Der Abriss der Anlage aus etwa 500.000 Tonnen an Beton und Metall läuft seit 2004. Der Rückbau ist extrem aufwendig - Stück für Stück wird zurückgebaut. Jedes einzelne Anlagenteil wird demontiert, zerkleinert und wenn nötig dekontaminiert.

Meist reicht Abstrahlen mit Wasser, um radioaktive Partikel zu entfernen. Zur Sicherheit ist während der Arbeit der Geigerzähler ständig im Einsatz.

Übrig bleibt nicht dekontaminierbares radioaktives Material. Es soll in den Schacht Konrad kommen, einem ehemaligen Eisenerzbergwerk in Salzgitter. Hier sollen die 3.000 Tonnen radioaktiven Materials endgelagert werden. Dieses Endlager ist allerdings starker Kritik ausgesetzt. Wie die Lagerung bis zum Schluss geregelt sein wird, ist noch offen.

  • Einzelne Maschinen wie zum Beispiel ein Generator wurden nach Ägypten verkauft.
  • 2013 verkaufte RWE den Kühlturm an Zimmermann Recycling, eine auf Wiederverwertung spezialisierte Firma aus Lahnstein. Sie wollte die 25.000 Tonnen Beton des Kühlturms wiederverwerten und das Gelände nutzen.
  • Knapp zwei Jahre später machte das Unternehmen von einer Rücktrittsklausel Gebrauch und trat vom Kaufvertrag zurück. Danach musste RWE den Rückbau selbst in die Hand nehmen.

Der Abbau des Kühlturms gehört zu den schwierigen Teilen des Rückbaus. Ein Projekt der Superlative: mit einem Spezialbagger wurden in den letzten Monaten der Turm von 162 Metern auf 80 Meter Höhe sozusagen runter geknabbert.

Dauer

Der Rest soll jetzt kontrolliert zum Einsturz gebracht werden. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch danach noch viel Rückbau übrig bleiben und hochradioaktive Teile des Reaktors abgebaut werden müssen. Der Zeitaufwand dafür wird auf weitere zehn Jahre geschätzt.

Fazit

Das AKW hat 3,6 Milliarden Euro gekostet. Etwa eine Milliarde wird für den Rückbau benötigt. Ob es dabei bleibt, weiß man erst, wenn alles abgebaut ist. Jetzt wird mit dem endgültigen Abbau des Kühlturms eines der schwierigsten Kapitel geschlossen werden. Und spätestens ab dann gibt es – wenn alles gut geht - wieder einen unverbauten Blick auf das Neuwieder Becken.

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