Ärztemangel Wo sind die Hausärzte auf dem Land?

Hausärzte auf dem Land bleiben knapp, das "Versorgungsstärkungsgesetz" wirkt bisher nicht. Warum die Ärzte auf dem Land ausbleiben und welches Mittel manche Kommune ergreift...

Fast jeder zweite Bürgermeister in Baden-Württemberg befürchtet für seinen Ort einen wachsenden Mangel an hausärztlicher Versorgung. Das ergab eine Umfrage 2016. Der Handlungsbedarf wächst, da 35 Prozent der Hausärzte in Baden-Württemberg älter als 60 Jahre sind.

Versorgungsstärkungsgesetz

Mit dem "Versorgungsstärkungsgesetz" wollte Gesundheitsminister Hermann Gröhe der sich abzeichnenden mangelnden medizinischen Versorgung auf dem Land begegnen. Stärkere finanzielle Anreize und bessere Arbeitsbedingungen bei gleichzeitiger Einschränkung der Überversorgung in den Städten sollte für eine bessere Verteilung der Mediziner sorgen. Ein Jahr später stellte das ARD-Magazin "Monitor" in einem Beitrag vom 19.1.2017 fest: "An der Lage hat sich nichts verbessert. Im Gegenteil: Die Überversorgung in der Stadt nimmt ebenso zu wie der Mangel auf dem Land."

Fall Donaueschingen

In Donaueschingen will jetzt ein Arzt sogar seine Praxis mit Patientenstamm verschenken, um einen Nachfolger zu finden. Seit 38 Jahren betreibt Dr. med. Clemens Willmann seine Praxi in der Donaueschinger Innenstadt. Gut eingeführt. 3.000 Patienten. Willmann ist jetzt 68, will in den Ruhestand und versucht seit Jahren, einen Nachfolger zu finden. Anzeigen in Fachzeitschriften und in Internet-Foren brachten keinen Erfolg.

Fall Ellhofen

In Ellhofen griff man im Sommer dieses Jahres zu diesem Lockruf: 5000 Euro Finderlohn – für die Vermittlung eines Hausarztes. Mit diesem Plakat begrüßte die Gemeinde Ellhofen bei Heilbronn jeden, der in den Ort kommt. Und der Bürgermeister ließ nicht nur das Plakat aufhängen, er verteilte auch selbst noch Handzettel überall im Ort – Ellhofen gab alles auf der Suche nach einem neuen Arzt. Doch bisher alles vergeblich, rund 3500 Einwohner hat Ellhofen – und einen Hausarzt. Er ist 70 Jahre alt, ein Ende seiner ärztlichen Tätigkeit somit absehbar. Seit drei Jahren sucht Ellhofen schon – eine Ende ist trotz Finderlohns nicht absehbar (Stand November 2017). 

Sorgenfalten bei der Kassenärztlichen Vereinigung BW

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg betrachtet man die Entwicklung mit großer Sorge, sagt ihr Sprecher Kai Sonntag: "Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Jahren etwa 500 Hausarztpraxen in Baden-Württemberg nicht werden nachbesetzen können. Das ist natürlich nicht gerade ein Anreiz für junge Ärzte, eine Praxis zu übernehmen, sich dann zu verschulden, zu investieren, wenn sie gar nicht wissen, ob sie ihre Praxis später mal wieder verkaufen können. Und es ist natürlich für die einzelnen Ärzte eine schwierige Situation, wenn man für das, was man über Jahre hinweg aufgebaut hat, nachher nichts mehr bekommt."

Wie erklärt sich der Ärztemangel im Land?

Laut Dr. Oliver Erens von der Landesärztekammer BW hat der Ärztemangel verschiedene Gründe: Viele frisch ausgebildete Ärzte gehen lieber ins Ausland, das mit höherer Vergütung und besseren Arbeitsbedingungen locke. Dazu komme, dass Frauen häufig Familienplanung und Beruf unter einen Hut bringen müssen und sich daher um einen Teilzeit-Job in Anstellung bemühen und nicht gleich als niedergelassene Ärztin auf dem Land arbeiten wollen. Grundsätzlich sei eine Tendenz erkennbar, dass Uni-Absolventen lieber in die Anstellung gehen.

Wie will man dem drohenden Ärztemangel begegnen?

Eine Möglichkeit wäre, junge Menschen, die Medizin studieren wollen, über die Vorzüge der Arbeit auf dem Land zu informieren, auf Finanzierungshilfen anzusprechen und eine familienfreundliche Infrastruktur anzubieten. Alles mit dem Ziel, bei den potentiellen Nachwuchsmedizinern ein positives Image des Berufs "Landarzt" zu schaffen und auch über die Vorzüge auf dem Land zu informieren.

Lösung Gemeinschaftspraxis

Wie eine weitere Lösung aussehen könnte, zeigt eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis in Waldkirch. Dort arbeitet unter anderem Joachim Eggert. 25 Jahre war er alleine in einer Praxis, die hat er aufgegeben, jetzt arbeitet er zusammen mit anderen Kollegen. Zusammen mit fünf weiteren Hausärzten hat er eine Gemeinschaftspraxis. Es sei eine arbeitsteilige Patientenversorgung, bei der zum Beispiel auch Ärztinnen mit Familie halbtags arbeiten können. Solche Zentren, sagt Joachim Eggert, könnte man auch in kleineren Gemeinden einrichten. Die Anstellung bei einer Gemeinde bedeute für die Ärzte kein finanzielles Risiko und vor allem geregelte Arbeitszeiten, zwei Kriterien, die nach einer Umfrage unter Medizinstudenten ganz oben auf der Wunschliste für ihr späteres Berufsleben stehen.

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