Frisches Sushi in einer Plastik-Verpackung im Supermarkt. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa)

Kunststoffexperte hält Ökobilanz hoch So toll sind Plastikverpackungen

Plastik belastet die Umwelt und wird noch zu wenig recycelt. Es ist aber trotzdem die beste Verpackung, meint ein Experte der Universität Stuttgart.

Dauer

Fragen an Christian Bonten, Institut für Kunststofftechnik der Universität Stuttgart

Wie bewerten Sie die Diskussion über Plastikmüllberge?

Ich spreche lieber von Kunststoff. Plastik ist für mich schon ein böses Wort. Also: Kunststoff ist mehr gut als böse. Von den Facetten, die wir jetzt in der öffentlichen Diskussion haben, halte ich etliche auch für nicht richtig. Ich denke als Privatmann: Warum muss diese Verpackung im Supermarkt jetzt noch einmal verpackt werden? Auf der anderen Seite bringt Kunststoff viel Gutes. Im Moment sind aber die Menschen nicht mehr so offen dafür – und das ist sehr schade.

Sollte denn nicht endlich Schluss sein mit Plastikverpackungen?

Nein! Das ist jetzt natürlich ketzerisch gegen alles, was im Moment diskutiert wird. Aber eine Verpackung hat grundsätzlich – egal aus welchem Stoff sie ist – eine Aufgabe: Sie schützt das Gut, also das, was verpackt ist. Und da müssen wir nachschauen, welcher Werkstoff oder welche Art der Verpackung ist das Beste.

Christian Bonten, Institut für Kunststofftechnik, Universität Stuttgart (Foto: Universität Stuttgart)
Christian Bonten leitet das Institut für Kunststofftechnik. Universität Stuttgart

In vielen Beispielen stellt sich heraus, dass das Produkt am besten durch ein Stück Kunststoff geschützt werden kann – in der Regel eine dünne Folie, die nur wenige Gramm wiegt. Es wird damit ein sehr starker Schutz betrieben und beispielsweise unsere Lebensmittel werden viel länger haltbar. Dadurch schmeißen wir auch viel weniger weg.

Ein Unternehmen sucht nach der besten Lösung, um auch mit geringen Kosten einen möglichst hohen Schutz zu bilden. Dazu muss man unbedingt erklären: Kunststoff ist nicht nur aufgrund seines geringen Energieeinsatzes bei der Herstellung ein billiger Stoff. Er ist auch von seiner Ökobilanz sehr gut. Sie brauchen wenig Energie, um eine Verpackung herzustellen und deswegen ist er so günstig – eben nicht, weil der Werkstoff selbst günstig ist.

Ein Kundin nutzt an einem Obststand ein Mehrwegnetz. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/real GmbH/dpa)
Obst wird oft in Plastikbeutel gepackt. Die Alternative: Ein Mehrwegbeutel. picture alliance/real GmbH/dpa

Kunststoff ist sogar pro Kilo teurer als andere Werkstoffe. Er ist aber eine kostengünstige, weil energiearm hergestellte Verpackungsart, die bestmöglichen Schutz bietet. Also eindeutig „Ja“ zu Kunststoff wegen der wichtigen Schutzfunktion – aber kein „Ja“ für eine zusätzliche Dekorationsfunktion.

Es wird viel nach Alternativen geforscht, beispielsweise mit Papier oder Biokunststoffen gearbeitet. Was halten Sie davon?

Es gibt wunderbare Verpackungen aus Pappe oder aus Papier, die für den entsprechenden Zweck auch genau richtig sind. Sobald sie dann aber mit Flüssigkeiten, mit Feuchtigkeit, mit Fett oder sowas in Kontakt kommen, funktioniert beispielsweise Pappe nicht mehr so. Dann muss sie beschichtet werden und dann ist wieder Kunststoff auf der Pappe – also ein Verbundstoff, der nicht gut trennbar ist. Das muss man dann hinterfragen.

 Kunststoffverpackungen liegen in einem Gelben Sack. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
Plastikabfall aus dem Gelben Sack wird wiederverwendet. picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

So wie wir Verpackungen jetzt wahrnehmen, sind die schon irgendwie ausgelotet worden: Da ist viel untersucht worden, ob das die richtige Lösung ist. Ich könnte natürlich hingehen und sagen: Ich nehme jetzt für alles eine Blechdose. Da passt auch alles Feuchte rein. Aber die Herstellung kostet viel Energie und ist teuer. Deswegen sind viele Hersteller von diesen Blechdosen weg. Heute hat sich herausgestellt – auch aus Ökobilanz-Gründen – ist die Kunststoffverpackung das Beste.

Aber ist denn nicht eine Papiertüte zum Einkaufen besser als eine Plastiktüte?

Da gibt es zwei unabhängig voneinander abgelaufene Ökobilanzen, die ich vorliegen habe: Demnach ist die Tragetasche aus Papier nahezu ähnlich von der Ökobilanz wie die Plastik-Tragetasche – aber etwas schlechter. Eine Baumwolltasche, die muss man über 30 Mal einsetzen, dann wird sie gegenüber einer Tragetasche aus Kunststoff ökologisch gleichwertig. Eine Jutetasche muss 130 Mal benutzt werden, erst dann erreicht man mit ihr die Ökobilanz einer einmal benutzten Kunststofftasche. Das ist ganz schlimm.

Welche Art von Limo- oder Wasserflaschen kaufen Sie?

Ich habe hier die dicken PET-Flaschen im Büro. Es sind Mehrwegflaschen, die im Supermarkt nicht zerdrückt werden, sondern neu befüllt werden. Es gibt zwei PET-Material-Varianten auf dem Markt. Die dritte Möglichkeit ist die Glasflasche. Bei der Ökobilanz gewinnt allerdings: die 1,5 Liter PET-Flasche und bei weitem nicht die Glasflasche. Allerding rate ich immer meinen Studenten: Geht doch an den Wasserhahn. Das ist wirklich die öko-effizienteste Variante, Wasser zu trinken.

Leere PET-Mehrwegflaschen stehen auf einem Transportband einer Abfüllanlage. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Ina Fassbender/dpa)
Dickwandige PET-Flaschen werden wieder befüllt. picture alliance/Ina Fassbender/dpa

Wie ist es denn mit Biokunststoffen, die sich selbst zersetzen und zerfallen?

Es gibt schöne Biokunststoffe, da forschen wir auch dran. Ich unterteile sie in zwei Gruppen: Diejenigen, die Bio „werden“ – also die erst nachträglich zu Kompost werden, indem sie zerfallen. Diese Biokunststoffe kann man tatsächlich verbuddeln und irgendwann sind sie weg.

Die anderen Biokunststoffe werden aus der Natur gewonnen: Da hole ich aus Holz oder Getreide die Kohlenhydrate – die wir ja auch essen können. Aus diesen Kohlenhydraten mache ich Kunststoffe. Ich muss aber sagen, dieses Thema hilft uns nicht weiter bei der Umweltdiskussion. Es macht uns nur unabhängig von Erdöl.

Die erste Gruppe, also die biologisch-abbaubaren Kunststoffe, können dagegen schon eine Menge. Sie werden immer besser. Aber noch schaffen sie es nicht, beispielsweise beim Einsatz als Wasserflasche die Kohlensäure zu bewahren.

Bunte Kondome liegen auf einem Leuchttisch. (Foto: dpa Bildfunk, (c) dpa)
Kunststoffe dürfen nicht zu früh zerfallen. (c) dpa

Auf der anderen Seite bin ich auch nicht überzeugt davon, ob es gut wäre, wenn sich unsere Gesellschaft zurück zu dieser Ex-und-hopp-Mentalität entwickelt. Wir sind eine Gesellschaft, die schon sehr viel Müll sammelt. Wenn wir jetzt unsere Kinder dazu erziehen, alles in die Umwelt zu schmeißen, weil Verpackungen aus biologisch-abbaubaren Kunststoffen sind. Dann liegt die Verpackung erstmal hässlich in den Büschen, bis sie irgendwann in der Sonne verrottet und von Mikroben aufgefressen wird. Das dauert dann doch sehr lange.

Ich glaube, wir würden es den Menschen zu leicht machen, wenn wir alles in biologisch abbaubar umwandeln. Wir müssen zwar weiterhin daran arbeiten – aber wichtiger ist es, wenn wir am Menschen arbeiten und es dem Menschen nicht noch leichter machen mit biologisch abbaubaren Kunststoffen.

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