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Nach langen Jahren der Militärdiktatur wird in Myanmar, dem früheren Burma im Jahr 2010 ein Prozess der Demokratisierung und wirtschaftlichen Öffnung angestoßen. Investoren und multinationale Konzerne zeigen schnell Präsenz im Land, da sie sich gewaltige Gewinne auf dem noch weitgehend "unberührten" Markt erhoffen. In "Myanmarket" lässt uns Filmemacherin Eva Knopf am tiefgreifenden Wandel teilhaben, der das südostasiatische Land erfasst hat und zeigt uns am Beispiel verschiedener Menschen aus Stadt und Land, wie sie mit den Chancen und Risiken der neuen Situation umgehen.

Von der Diktatur zum Konsumrummel - ein sich öffnendes Land

Myanmar, ehemals Burma, war bis vor kurzem einer der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte des globalen Handels. Durch eine Militärdiktatur abgeschnitten vom Rest der Welt, waren in diesem Land moderne Konsumgüter gar nicht oder nur sehr schwer zu bekommen. Seit der Öffnung im Jahr 2011 verändert sich die Situation in dem asiatischen Land rasant.

Myanmarket | Junger Dokumentarfilm Das sich öffnende Myanmar im Wandel

Drei Frauen auf einem Schiff (Foto: SWR, SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick)
Noe Noe und ihre Schwestern am Yangon River, Rangun. SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Auf der Baustelle in Rangun wird der Umbau sichtbar. SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Alltag bei der Marktforschung - Passanten auf den Straßen von Rangun befragen. SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Noe Noes Familie im Kloster in Rangun. SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Auch auf dem Land sind die Marktforscherinnen unterwegs - hier im Dorf Kansonkone, Tontaewa. SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Noe Noe, eine junge Frau aus der Großstadt Rangun, sieht viele Chancen im Wandel SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Nach langen Jahren der Militärdiktatur wird in Myanmar, dem früheren Burma im Jahr 2010 ein Prozess der Demokratisierung und wirtschaftlichen Öffnung angestoßen. Wie reagieren die Menschen auf diesen Wandel? SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
SWR - © SWR/AMA Film/Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Myanmarket: Marktforscher-Team AMA Film - Ulla Lehmann Bild in Detailansicht öffnen
Myanmarket: Werbung in Rangun AMA Film - Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen
Myanmarket: Rückzug im Buddhismus. AMA Film - Stefan Sick Bild in Detailansicht öffnen

Das liegt nicht zuletzt an den Investoren und multinationalen Konzernen, die sich Hoffnung auf gewaltige Gewinne auf dem noch unberührten Markt machen. 53 Millionen neuer Kunden warten vielleicht nur darauf, ihre Produkte zu kaufen? Aung Thura, ein Schweizer Unternehmer mit burmesischen Wurzeln, meint: »Ich sage (..) nicht, dass alle ausländischen Investoren gekommen sind, um sofort das große Geld zu machen. Aber einige sind mit einer Goldgräberstimmung gekommen und die Erwartungen waren enorm und oft auch unrealistisch.« Eine Reihe von Marktforschungsunternehmen sind im Auftrag von internationalen Firmen aktiv. Ihr Ziel: Herausfinden, wie die Menschen in Myanmar leben, was sie brauchen, sich wünschen. Und dann entsprechende Angebote auf den Markt bringen.
Und wie gehen die Menschen in Myanmar mit diesen Angeboten um? Wie navigieren sie zwischen den neuen Möglichkeiten und ihren traditionellen Werten? Noe Noe, eine junge Frau aus der Großstadt Rangun, sieht viele Chancen für sich:
»In Myanmar gibt es viele positive Veränderungen. Wir haben viel mehr Möglichkeiten als früher, eine bessere Bildung und die wirtschaftliche Situation verbessert sich auch.« Insbesondere die Landbevölkerung ist vom wirtschaftlichen Aufschwung und den vielfältigen neuen Möglichkeiten aber noch weit entfernt.

Wie begegnen die Menschen dem Wandel?

»Myanmarket« begleitet unterschiedliche Akteure während des Wandels. Darunter ein Team von Konsumforschern, das Myanmars größte Stadt Rangun nach dem Einkommen der einzelnen Haushalte kartiert. Der Film zeigt einen Motivationstrainer, der in seinen Lehren mühelos amerikanischen Machbarkeitsoptimismus mit buddhistischen Lehren verbindet. Eine Mutter, die überfordert von den Anforderungen ist, die die Familie und Gesellschaft an sie stellen, und die einen traditionellen Ausweg aus ihrem Alltag findet. Und ihre Tochter, die fasziniert auf die neuen Möglichkeiten blickt und nach Wegen sucht, ihre Träume zu verwirklichen.

Dynamik in der Stadt, Tradition auf dem Land

Der Film erzählt aber auch von einer Gesellschaft, in der sich die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Stadt- und Landbevölkerung stärker zeigen als in der Zeit der Diktatur. Auch zwischen den Generationen entsteht neues Konfliktpotential.
Während auf den Jugendlichen in der Stadt ein großer Druck liegt, an den neuen Möglichkeiten teilzuhaben, scheint auf dem Land die Zeit immer noch still zu stehen. Dort ist der Wandel bisher nicht mehr als ein Versprechen. Die Regisseurin Eva Knopf liefert vielschichtige Eindrücke aus einem Land im Umbruch und lässt unterschiedlichste Menschen, die an diesem Umbruch als Akteure oder auch als Zielgruppe von Marketingmaßnahmen beteiligt sind, zu Wort kommen.

Produktionsnotiz:

Eine Gemeinschaftsproduktion von AMA FILM, der Filmakademie Baden-Württemberg und dem SWR für die Reihe »Junger Dokumentarfilm« in Zusammenarbeit mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Weitere Förderungen: HessenFilm und Medien, Bremer Dokumentarfilm Förderpreis des Filmbüros Bremen.

Dokumentarfilmerin Eva Knopf

In Myanmar findet zurzeit ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel statt. In mancher Hinsicht ist er vergleichbar mit den Entwicklungen in Ostdeutschland nach dem Ende der DDR. Myanmar wird – nach Jahrzehnten der Diktatur – Teil der globalen Marktwirtschaft. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem im Westen die Dysfunktionalität des Marktes mindestens ebenso präsent ist wie seine Funktionalität. In »Myanmarket « gehe ich der Frage nach, wie die Burmesen diesen Prozess interpretieren. Ich finde es unglaublich spannend zu beobachten, wie sich Gesellschaftssysteme und wirtschaftliche Mechanismen im konkreten alltäglichen Leben zeigen. Wie das »ganz Große« mit dem »ganz Kleinen« verbunden ist. Und welche Rolle die Kultur dabei spielt. Es geht in »Myanmarket« also auch um die Hoffnungen und Ängste der Burmesen, um Erwartungen und Missverständnisse. Wandlungsprozesse sind flüchtig selbst in dieser Größenordnung.
In Berlin erinnern heute fast nur noch denkmalgeschützte Spuren an den Mauerfall. Und auch in Myanmar wird schon in wenigen Jahren nichts mehr von dieser unglaublichen Versuchsanordnung der Geschichte zu sehen sein. Deshalb ist »Myanmarket« auch ein Dokument einer ganz besonderen Zeit.

Eva Knopf wurde in Oldenburg geboren. Sie studierte zunächst Ethnologie und Medienwissenschaft in Göttingen, Amsterdam und Berkeley. Es folgte das Studium der Regie/Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg.
Ihr Diplomfilm »Majubs Reise« erzählt das Leben des Afrikaners Majub aus Tansania, der als ehemaliger Kindersoldat der Kaiserlichen Schutztruppe seit den späten 1920er Jahren in Deutschland lebte und in zahlreichen Filmen der NS-Zeit als Komparse auftrat – ein Stück deutsche Film- und Kolonialgeschichte.
Der Film wurde im deutschen Wettbewerb von DOK Leipzig 2013 uraufgeführt und für den First Steps Award nominiert. »Myanmarket« ist Eva Knopfs erster langer Dokumentarfilm, der außerhalb der Filmhochschule realisiert wurde.

Stabliste

BUCH UND REGIE Eva Knopf
KAMERA Stefan Sick
MITARBEIT Hnin Ei Hlaing
TON Markus Limberger, Eva Knopf
SCHNITT Ana Rocha Fernandes
MUSIK John Gürtler
SOUNDDESIGN Jonathan Schorr
TONMISCHUNG Patrick
Kirsammer
PRODUKTIONSLEITUNG Jochen Dickbertel (SWR),

Ulla Lehmann (AMA FILM)
PRODUZENTINNEN Ulla Lehmann,
Andrea Roggon
REDAKTION Gudrun Hanke-El Ghomri (SWR)

Produktionsnotiz:

Eine Gemeinschaftsproduktion von AMA FILM, der Filmakademie Baden-Württemberg und dem SWR für die Reihe »Junger Dokumentarfilm« in Zusammenarbeit mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Weitere Förderungen: HessenFilm und Medien, Bremer Dokumentarfilm Förderpreis des Filmbüros Bremen.

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