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Eva Lohse im Interview Keine Spenden-Verteilung nach Prozentsatz

Drei Monate nach der verheerenden Gasexplosion in Ludwigshafen ist alles anders als zuvor. Es gibt die sichtbaren Schäden an Häusern und Straßen, und die unsichtbaren, die die traumatisierten Menschen mit sich tragen. Wie hat die Stadt Ludwigshafen den Betroffenen geholfen und was tut sie noch? Ein Interview mit Eva Lohse (CDU), Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen.

Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU)

Eva Lohse

SWR: Wie sah die konkrete Hilfe aus, die Sie den Opfern des Unglücks zuteil werden lassen konnten?

Die ganz konkrete Hilfe war natürlich am Explosionstag selbst die Feuerwehr, die Rettungsdienste, da wurde wirklich das Menschenmögliche gemacht, um diese Brandkatastrophe in den Griff zu bekommen. Und danach haben wir hier direkt in meinem Büro einen Ansprechpartner benannt und ich war auch kontinuierlich in Kontakt mit den Menschen, die vor Ort tätig waren. Ich war jetzt Anfang Januar nochmal persönlich in dem zentralen Brandhaus, aus dem die Menschen alle evakuiert werden mussten. [...] Ich glaube, wir haben uns intensiv um die Menschen gekümmert. [...]

In der am härtesten getroffenen Jakob-Scheller Straße sagte eine Betroffene, sie habe sich in den ersten Wochen ein bisschen alleingelassen gefühlt. Was sagen Sie zu dieser Kritik am Krisenmanagement?

Es tut mir leid, wenn sich die Dame allein gelassen gefühlt hat. Wir haben alles möglich gemacht, es gab ganz viele Gespräche mit meinen Mitarbeiterinnen hier vor Ort im Rathaus. Wir waren auch in der Jakob-Scheller-Straße und in der Umgebung. Es gab auch bei den Hilfsdiensten Ansprechpartner. [...] Es tut mir leid, wenn sie sich nicht gut betreut gefühlt hat.

Sie haben angekündigt, dass ein Fonds eingerichtet wird, aus dem die Übergangsunterkünfte finanziert werden sollen. Wie kann man sich das konkret vorstellen, was war da die konkrete Hilfestellung der Stadt Ludwigshafen?

Wir haben dafür gesorgt, dass die Menschen untergebracht wurden. Es gab eine riesige Hilfsbereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern, die ihre Wohnungen angeboten haben [...]. Wir haben dafür gesorgt, dass die Transporte übernommen wurden, dass die Menschen in die Wohnungen kommen konnten. [...] Wir haben kurzfristig für Unterbringung gesorgt, beispielsweise in Wohnungen, die fertiggestellt waren für Asylbewerber. Die haben wir sofort umgewidmet und den Menschen zur Verfügung gestellt.

Hat das Land Rheinland-Pfalz Sie in irgendeiner Form unterstützt und wenn ja, wie?

Schon am Abend der Explosion haben wir darum gebeten, uns in absehbarer Zeit keine Flüchtlinge und Asylbewerber zuzuweisen [...] Man ist uns da entgegengekommen und hat uns bis vor kurzem keine Flüchtlinge zugewiesen. [...]

Die Spendenbereitschaft war sehr groß. Es sind über 100.000 Euro zusammengekommen. Wo ist das Geld gelandet, wurde es schon verteilt?

Das wurde nicht verteilt, sondern wir haben das auf ein Spendenkonto überwiesen. Das sind wir den Spendern schuldig, dass wir sehr sorgsam und pflichtgemäß mit diesen Spenden umgehen. Deswegen haben wir einen Spendenbeirat gegründet und uns entschlossen, erst im neuen Jahr jetzt alle möglichen Betroffenen, die Spenden empfangen können, anzuschreiben. [...] Es ist mir sehr wichtig, dass wir die Spenden gerecht verteilen und dass es nicht dieses Windhundprinzip gibt 'wer zuerst kommt, malt zuerst'. Die Spenden werden sicherlich nicht ausreichen, um alle Wünsche zu befriedigen. Da müssen wir sehr gerecht verteilen. Das können sie nur, wenn sie einen Überblick über die Schäden haben. Das ist nicht ganz einfach, weil in vielen Fällen die Versicherungsleistungen noch nicht ganz klar sind. Und wenn eine Versicherung nur einen Teilbetrag zahlt, dann hat natürlich derjenige auch einen Schaden, den er im Moment noch gar nicht der Höhe nach geltend machen kann. [...] Die genaue Schadensermittlung zum heutigen Stichtag durchzuführen ist sehr schwierig. Wir denken, dass wir mit der ersten Sitzung des Spendenbeirats zumindest zu einer ersten Teilauszahlung kommen werden.

Wann ist die erste Sitzung und wann kommt es zu der ersten Teilauszahlung?

Die Sitzung ist am 12. Februar und wir versuchen, dann gerecht Spenden auszuzahlen. [...] Wir legen die Höhe für die einzelnen Betroffenen fest und dann wird das unmittelbar ausgezahlt. [...]

Ist das auch der Grund, warum es noch nicht dazu gekommen ist? Man hört immer wieder Stimmen von Leuten die sagen, was dauert da denn so lange, die Geschichte ist ein Vierteljahr her und noch ist kein einziger Euro vom Spendengeld an die Betroffenen geflossen?

Das ist nicht ganz richtig. Von diesem Spendengeld ja, das stimmt, aber es sind natürlich sehr wohl Leistungen an Betroffene geflossen. [...] Es gab auch Einzelspenden, die zweckgebunden waren, zum Beispiel an die betroffenen Familien, vor allem an eine Familie, deren Vater ein schwerverletzter Bauarbeiter ist. Da ist vorab eine zweckgebundene Spende hingegangen. Ganz so ist es also nicht. Aber an den großen Spendentopf mit über 100.000 Euro wollen wir jetzt gehen, mit einer gerechten Verteilung.

Welche Kriterien setzen Sie an, wer bekommt was und wie viel?

Das ist eine der Herausforderungen. Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir möglichst viele Spendenanträge haben, um uns als Spendenbeirat einen Überblick zu verschaffen: über die persönliche Betroffenheit, über Ersatzmöglichkeiten, die bestehen - von Versicherungen, von Dritten. Wir müssen unser Ermessen dahingehend ausüben, dass wir denjenigen, die großen Kummer hatten und dazu noch eine große Betroffenheit haben, dass wir da entsprechend verausgaben können. Wir können nicht ganz einfach mit einem Prozentsatz vergüten, wir müssen einzeln nachfragen, ob es gerecht ist.

Das Unglück ist jetzt 100 Tage her. Wie zufrieden sind sie mit dem Krisenmanagement der Stadt aus Ihrer Funktion als Oberbürgermeisterin heraus?

Das waren 100 schwere Tage und das war gerade am Anfang ein unheimlich einschneidendes Erlebnis für die Menschen, die in Oppau und in Edigheim wohnen, die das unmittelbar verfolgen konnten und die noch nicht zufrieden sind, weil die Ursache nicht geklärt ist. Und das ist aus meiner Sicht in der Rückschau noch ein großer offener Punkt. Ich glaube, man wird dieses große Geschehen erst abschließen und bewerten können, wenn man die Ursache kennt [...].

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Nach der verheerenden Gasexplosion

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Großbaustelle: Häuser sind eingerüstet, Bürgersteige werden neu gepflastert.

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Noch ist es nicht so, wie es einmal war. Es bleibt noch einiges zu tun.