Mein neues Leben

Anne Vogd - Von der Textilindustrie zur Kleinkunstbühne

STAND

Anne Vogd hatte einen guten Job in der Textilindustrie. Sie war auf Messen, in Showrooms, suchte viele Jahre Kollektionen für den Einzelhandel aus. Für ihr neues Leben hat sie alles aufgegeben. Jetzt steht sie auf den Comedy-Bühnen in Deutschland.

Würden Sie es wieder machen?

Jederzeit. Ein Neuanfang, ‚alles auf Reset‘ ist zunächst einmal ‚nur‘ spannend, weil risikobehaftet. Es ist eine Herausforderung. Es gehört viel Mut und Energie dazu, bekannte Wege zu verlassen und unbekanntes Terrain zu betreten. Sich selbst etwas zu beweisen und damit letztendlich Erfolg zu haben, ist ein wunderbares Gefühl. Ich habe diesen Schritt bis dato noch nicht bereut.

Was war der schwierigste Moment?

Anne Vogd (Foto: SWR, SWR -)
SWR -

Davon gibt es gleich mehrere: Einmal trat ich in einer Halle auf, in der die Beschallung in der hinteren Hälfte ausgefallen war. Die Leute fingen an, sich zu unterhalten, während ich redete. Es entstand ein unglaublicher Geräuschpegel. Das hat mich, als Newcomer oben auf der Bühne ziemlich irritiert.

Einmal versuchte ich mit den ersten beiden Tischen, die ich von der Bühne aus erreichen konnte, zu interagieren. Aber ich schaute nur in versteinerte Minen. Man fragt sich da immer ‚bin ich wirklich so unlustig‘… Nach meinem Auftritt erfuhr ich, dass es sich bei diesen Gästen um Franzosen handelte, die kein Wort verstanden hatten.

Ein anderes Mal hatte ich einen Texthänger. Aber nicht ‚in‘ der Rede, sondern direkt zu Beginn. Ich fand nicht rein. Es war so peinlich. Ich habe mir danach geschworen, nie wieder vor mehr als 5 Leuten etwas zu sagen. Das ist jetzt 4 Jahre her.

Was war der schönste Moment?

Davon gibt es gleich drei:
1. Der Moment, in dem ich erfuhr, dass ich den SWR 3 Comedy Förderpreis bekommen sollte. Und das mit 50!
2. Standing Ovations in der Mainzer Fastnacht, nach einem Vortrag für den GCV, in dem ich eine Professorin für Önologie gespielt hatte. Und das mit meinem Migrationshintergrund! Der rheinische Dialekt war ja auch für ‚die Meenzer‘ unüberhörbar.
3. Als Andreas Müller vor ein paar Wochen zu mir meinte, meine Texte seien ohne große Korrekturen ‚sendereif‘. Von jemandem wie ihm so ein Lob zu bekommen, kommt einem Ritterschlag gleich…

Was hilft auf Durststrecken?

Der Glaube an sich selbst und seine Arbeit. Ein gesundes Selbstbewusstsein. Aber das haben wir Rheinländer ja. Wir stellen nichts in Frage, uns selber schon mal gar nicht.

Der beste Rat für Zauderer?

Erstmal ganz nüchtern überlegen‚ Was kann ich – und was kann ich nicht. Risiken – Chancen abwägen. Dann das Bauchgefühl einschalten. Pure Vernunft darf niemals siegen. Dann eine Deadline setzen, bis wann die Entscheidung getroffen werden soll… und dann einfach machen oder für immer canceln. Alles dazwischen hält nur unnötig auf und kostet Energie.

Mein altes Leben war...

Interessant, weil: ich hatte immer mit netten Menschen zu tun und mit Produkten, mit denen ich mich gut identifizieren konnte. Aber es war auch gleichzeitig etwas eintönig geworden, weil: es wiederholte sich alles irgendwann. Zum Schluss war es nur noch Routine.

Mein neues Leben ist...

Aufregend. Alles ist für mich noch neu. Jeder Tag bringt Überraschungen mit sich: positive wie negative. Die positiven überwiegen. Meine Liebe zum Schreiben ausleben zu dürfen, ist jeden Tag aufs Neue wieder ein großes Geschenk. Diese Phase wird hoffentlich noch lange andauern. Gut so.

STAND
AUTOR/IN
SWR Fernsehen