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Leif trifft ...

Dunkelziffer Armut Die mediale Vernachlässigung der Vernachlässigten

von Thomas Leif

"Die Wirtschaft boomt; um unseren Sozialstaat beneidet uns die Welt; Arbeitslosigkeit kennen die meisten nur vom Hörensagen." Ein simpel reduzierter Dreiklang, lässig und ahnungslos. Dieser Ohrwurm stammt nicht von den hocheffizienten Lobby-Maschinen vom Typ der "Familien-Unternehmer".

So kommentierte ein WDR5-Journalist kürzlich die ihn irritierende "Kanzlerdämmerung" im Morgenecho. Diese immer wieder beklagte Mainstream-Position der Medien hat sich über die Jahre zu einem unerschütterlichen Glaubensbekenntnis gefestigt. 2,7 Millionen Menschen waren im Juli arbeitslos, 3,6 Millionen unterbeschäftigt (ohne Kurzarbeit), den größten Niedriglohnsektor Deutschland in Europa, grassierende Kinderarmut und für Millionen drohende Altersarmut kennen viele Journalisten wohl nur vom Hörensagen. Auch wenn fast alle Facetten der wachsenden und in Teilbereichen zementierten Armut in Deutschland empirisch sehr präzise nachgewiesen sind, passen die Daten offenbar nicht in die von fast allen Wirtschaftsredaktionen gefeierte Wirtschafts-Boom-Kulisse.

In den jüngsten Studien des Instituts für Demoskopie Allensbach für die SPD-Fraktion und wenige Tage später für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GVV) zur "überwiegend pessimistischen Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung" (1.9.2016) steht eine Aussage auf Nummer Eins: 82 Prozent sagen "Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer."Zahlreiche weitere Studien bestätigen diesen Befund. Die wachsende Zahl der Abgekoppelten und die draus folgenden Sozialkosten haben in der Bürgerschaft höchste Priorität, in der Öffentlichkeit dominiert aber immer noch das Gegenbild "Wachstum und Wohlstand für Alle".

Parallel zu dieser Wirtschafts-Wunderland-Berieselung wird nicht nur in Spartenkanälen immer häufiger über vielfältige Phänomene der Armut in einem reichen Land berichtet. Die Betonung liegt auf berichten: Die Analyse der Ursachen und Folgen zunehmender sozialer Ungleichheit und die Zementierung eines Armutssektors stehen nur selten im Zentrum. Die Protagonisten werden oft in einem "Armuts-Zoo" ausgestellt und bieten die Chance, den eigenen sozialen Abstand nach unten zu bemessen, verbunden mit dem schaurig-wohligen Gefühl "Gott sei Dank geht's mir nicht so" Festzustellen ist also ein gemischtes Medienbild, zwei Interpretationswelten stehen unversöhnt und unaufgeklärt nebeneinander.

Zwischen Hörensagen und anonymen Zahlensalat

"Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht." Dieser amtliche Befund des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2014 schreckte viele auf; ein Alarmzeichen für den im Grundgesetz garantierten Sozialstaat. 20,6 Prozent und damit 16,5 Millionen Menschen sind demnach von Armut bedroht. Skandalzahlen, die das Leistungsversprechen des Wohlfahrtsstaates mit stets wiederholter statistischer Expertise dementiert.

Diese offiziellen Zahlen sind unter Experten jedoch umstritten, auch weil die Definition der "relativen" Armut ein statistischer Wert sei, der nicht erfasste Unterstützungsquellen wie zusätzliche Vermögenswerte oder Hilfen von Familienangehörigen der Betroffenen nicht berücksichtige. Führende Wirtschaftsforscher verbindet zudem die Einsicht, dass (Fach)-Politiker auf die alarmierenden Armutszahlen mittlerweile "abgestumpft" reagierten. Ihr Credo: Dramatisierung befördert Abstumpfung, Statistik relativiert sich selbst, Einnahmequellen jenseits staatlicher Hilfen (Erbschaften, Immobilienbesitz, Sparguthaben etc.) würden ausgeklammert. Nur – für diese Hypothese gibt es keine belastbaren Daten.

Sujet Arm und Reich

Arm und Reich - gekonnt inszeniert

Diese Erzählungen prägen das Grundrauschen der Medienberichterstattung. Aber - offenbar haben Armutsberichte und die Faktenlage des Statistischen Bundesamtes die Wahrnehmung verändert. Besonders im vergangenen Jahr ist das Armutsthema aus dem Schatten der (weitgehenden) Nichtbeachtung in den Focus der Aufmerksamkeit aufgestiegen. Die statistischen Armuts-Befunde sind Tagesschau- und BILD-tauglich geworden, wie die vor wenigen Tagen veröffentlichte Armuts-Analyse der Bertelsmann-Stiftung zur wachsenden Kinderarmut zeigte. Selbst die Macher vom "Unterschichtfernsehen" RTL II präsentierten Anfang Juli einen Themenabend "über das Leben unter der Armutsgrenze und über Altersarmut". Eine Armutsshow als Samstag-Abend-Unterhaltung in der Primetime? Meist bleibt es aber bei den anonymen, gesichtslosen Zahlen und einem Puzzle an Einzel-Schicksalen, ohne die politischen Strukturen hinter den Armutszahlen aufzuhellen, zu gewichten und wirksame Korrekturen auf zu zeigen.

Die Beschäftigung mit dem Themenfeld Armut ist stets auch ein Kampf um die Interpretationshoheit. Wird mit den Zahlen und Ziffern übertrieben, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Stimmung zu machen – oder wird verharmlost, um das tabuisierte Skandalthema einzuhegen und die beklagten Lebensverhältnisse aus der Welt der Armen in normales, unspektakuläres Fahrwasser zu navigieren?
Dieser dauernde Interpretationskampf spiegelt sich in der gesamten Medienberichterstattung. Denn die dokumentierte Armutsbilanz in Deutschland ist eine permanente Imageverletzung der Postulate der sozialen Marktwirtschaft. Gezielte Verharmlosung und perfide Ablenkung treffen heute - wie ein medialer Cocktail - auf alarmierende Statistik und anonyme (Einzel)-Schicksale. Bezogen auf die Sachauseinandersetzung fehlt es Journalisten meist an der notwendigen Klärungsenergie: Was stimmt, welche Positionen und Interpretationen der Daten stimmen oder welche Befunde sind interessengeleitet oder gezielt verwirrend?

Kurz: Das Thema Armut ist DAS Fahnenwort für die Grundfrage der Gerechtigkeit im deutschen Sozialstaat, für Oben und Unten, für die Frage der Legitimation einer (un)gerechten Politik, für die mangelnde Repräsentanz der sogenannten Unterschicht, für Ausbeutung im Niedriglohnsektor und die wachsende Schere zwischen Arm und Reich. In diesem Sinne ist Armut ein Magnetbegriff, der für die zunehmende gesellschaftliche Spaltung und oft kaschierte Chancen-Ungerechtigkeit steht. Das Aufstiegsversprechen unabhängig von sozialer Herkunft wird so zur Farce. Im Kern ist damit die Frage angesprochen: WER hat etwas zu verlieren? WER hat etwas zu gewinnen? Wer wird wie und warum benachteiligt? Welche Gruppen sichern sich (Steuer)Privilegien? Welche Formen der Umverteilung sind tragfähig und gesellschaftlich nützlich?

Strategisches Symbolthema Kinderarmut

Unbestritten ist, dass die Kluft zwischen Reichen und Armen in Deutschland immer größer wird; die Schlüsselbegriffe "zunehmende soziale Ungleichheit" und der drohende "Abstieg der Mitte der Gesellschaft" haben Konjunktur. Besondere "Aufreger-Qualität" und "Gesprächswert" - um diese heute entscheidenden Selektionsbegriffe der Redaktionen zu nutzen - hat derzeit aber lediglich ein besonders emotionales Armuts-Segment. Die steigende Kinderarmut, auch weil die Zukunftschancen von jedem fünften Kind mehr als düster aussehen. Nur bei der verstärkten Unterstützung der von Armut betroffenen Kinder gibt es parteiübergreifend zumindest einen angekündigten Konsens.

Selbst wirtschaftsnahe Wissenschaftler und deren Lautsprecher sowie Unternehmensvertreter haben das Problem identifiziert. Nicht zuletzt, weil damit das Postulat der sozialen Mobilität und das heimliche Versprechen des sozialen Aufstiegs für jeden - unabhängig von Herkunft und finanziellen Status der Eltern - zur leeren Hülle wird. Befördert wird die Sorge um Kinderarmut durch den Befund der OECD, dass Armut zumindest in drei Viertel der Fälle vererbt und damit dauerhaft stabilisiert wird. Zudem kann sich das grauer werdende Deutschland nicht länger leisten, auf das Potential von möglichen, gut ausgebildeten Fachkräften zu verzichten.

Das kommunikative Ritual auf allen Kanälen: Hier müsse der Staat handeln, um mehr Chancengerechtigkeit für arme Kinder und damit bessere Aufstiegschancen unabhängig vom Einkommen der Eltern zu ermöglichen. Es bleibt aber meist bei diffusen Appellen an den Sozialstaat, der seine Sozialbudgets und Bildungsressourcen effektiver umverteilen solle. Der Grund für die Aufmerksamkeit: Bei "armen Kindern" schwingt weitgehend ungefiltert das schlechte Gewissen der Privilegierten mit. Kinder können ja nicht für das von den Eltern verschuldete Armuts-Ghetto verantwortlich gemacht werden. Trotz der Bekenntnisse: Konkrete Umsetzungsschritte zur Bekämpfung der (Kinder)-armut oder gar effektiver Bildungschancen für alle sind derzeit nicht erkennbar. Diese Kluft zwischen Reden und Handeln beim Thema Kinderarmut birgt für Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und engagierte Sozialpolitiker die größte Chance, Wirkungsmacht zu entfalten. Offenbar gelingt es aber nur der Bertelsmann-Stiftung das verborgene Thema ins Scheinwerferlicht zu zerren. Bis Ende des Jahres will die Stiftung konkrete Handlungsvorschläge machen. Man fragt sich warum dies in Gütersloh passieren muss und nicht in den zuständigen Parlamenten und Ministerien?

Was sind Gründe für die extreme Polarität zwischen dem Faktenstand zur Armut und der auffälligen Inkonsequenz bei der Veränderung der Strukturen, die Armut festigen? Wie wirkt sich dieser Konflikt auf die mediale Reflexion des Themas Armut aus? Daraus ergeben sich folgende Fragen: Was sind die Gründe für das skizzierte gespaltene Medienbild? Wer prägt den Interpretationsrahmen beim Thema "Armut"; welches Eindruckserweckung dominiert? Warum wird in den Medien zu selten über die Ursachen und Konsequenzen der dramatischen statistischen Befunde berichtet und mit gesicherten Argumenten und Faktenchecks gestritten? Welche Fehler machen die "Advokaten“" des Armuts-Diskurses bei der Vermittlung des Themas?

Einzelschicksale als Publikums-Angebot für den sozialen Abgleich nach unten

Ein Fallbeispiel: Frau Weber (50) hat so ziemlich alles erlitten, was mit dem Begriff "Schicksalsschläge" nur verharmlosend umschrieben wäre. Die frühere Bürokauffrau aus Ost-Berlin hat eine Ausbildung gemacht, sich weitergebildet, aus einer gewaltgeprägten Ehe herausgewunden und lebensbedrohende Krankheiten überstanden. Aber - nach ihrem Sturz vor zehn Jahren und den Nachwirkungen eines Schädelbruchs - kam sie nicht mehr auf die Beine. Mittlerweile ist sie nahezu erblindet, leidet unter den Folgen einer schweren Krebserkrankung und einem schmerzhaften Bandscheibenschäden. Ihr Leben ist heute nur noch von einem Kampf um ihre berechtigten Versorgungsbezüge gegen die Sozialbehörden geprägt. Ein Kampf, den sie weitgehend allein und ohne Hilfe, führt.

Sie kämpft seit sechs Monaten um die Grundsicherungs-Ergänzung ihrer schmalen Erwerbsminderungs-Rente (derzeit 690 Euro). Trotz eindeutiger medizinischer Gutachten wird ihr Antrag auf Grundsicherung und Blindengeld verschleppt. Nicht nur hier ist auffällig: Der bürokratischer Kampf mit den Ämtern zermürbt die Antragsteller, die Schikanen der zuständigen Behörden (Jobcenter, Sozialamt etc.) sind schier unglaublich. Aber auch die Zurückhaltung von betreuenden Verbänden, die sich scheuen eine Untätigkeitsklage gegen die zuständigen Behörden auf den Weg zu bringen, zeigen ein typisches Bild, wie mit "Armen" und ihren gesetzlich gesicherten Ansprüchen umgegangen wird. Auch Anwälte, die auf der Basis der Prozesskostenhilfe arbeiten, kalkulieren meist die Dosis ihres Engagements. Eigentlich gehörte dieses verdrängte Thema der beauftragten Willkür der Behörden auf die jährliche Liste der Initiative Nachrichtenaufklärung.

Einzelfälle oder systemisches Problem?

Obdachlos

Gern gesehenes Armutssujet in den Medien: Obdachlose

Was folgt aus diesem Befund für die Regel-Medienberichterstattung? Armut ist meist gesichtslos, die Scham der Betroffenen spielt eine große Rolle. Kaum jemand möchte sein Leben vor der Kamera ausbreiten oder in der Lokalzeitung präsentieren. Gelegentlich tauchen diese Einzelfälle in den Sonderspalten oder populären "Ombuds-Formaten" auf, wo auf die traurigen Einzelschicksale aufmerksam gemacht wird. Nach dem Motto: Die Redaktion interessiert sich für die Menschen "ganz unten" und schaut den Behörden auf die Finger. Zu oft werden diese Einzelfälle aber von den Redaktionen funktionalisiert für die Eigenwerbung: "Schaut her, wir kümmern uns." Entlang von Einzelschicksalen kann jeder Medienkonsument dann seinen persönlichen Abstand nach Unten messen.

Die gelegentliche Berichterstattung über einzelne (meist in der Kälte verstorbene) Obdachlose, Langzeitarbeitslose oder Menschen mit geringer Erwerbsminderungsrente vereinzelt das strukturelle Thema Armut zu einem Puzzle von Einzelschicksalen. Festzuhalten ist: Der direkte Kontakt zu den abgehängten 20 Prozent steht nicht im Blickfeld der Aufmerksamkeit von Politikern, Medien und Bürgern. Auch weil Armut oft mit sozialer Ausgrenzung und Rückzug in ausgelagerte Quartiere verbunden ist, mit denen sich die Mehrheitsgesellschaft nicht konfrontieren will.

Gesellschaftliche Mehrheit gegen die zunehmende soziale Ungleichheit

82 Prozent der Deutschen halten die Ungleichheit in Deutschland für zu groß: Dies ist der zentrale Befund einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von Anfang Juli (6.7.16). Ein eindeutiges Plädoyer für einen stabilen Sozialstaat, offenbar mit geringen Nachrichtenwert. Solche Ergebnisse greift vielleicht noch das "Neue Deutschland" auf. Sie stören die Wahrnehmung vom Hörensagen und das Narrativ des Wirtschaftsbooms für zwei Drittel der Gesellschaft.

Die Auswertung der Studienergebnisse sind aber auch ein Fundus für überzeugende Argumente, die die aufkeimende Debatte über die zunehmende "Soziale Ungleichheit", begleiten und stützen könnten. Die deutliche Anhebung des Rentenniveaus soll Thema im Wahlkampf 2017 werden; die SPD denkt wieder an die Einführung einer Vermögenssteuer. Und beim kritischen Flügel der Grünen scheint klar, dass die Frage der sozialen Umverteilung aus einem Steuerkonzept 2017 nicht - wie von wirtschaftsnahen Medien empfohlen - ausgeklammert werden darf. Sprecherin Simone Peter ist überzeugt: "Die Vermögenssteuer (...) wirkt viel zielgenauer als die Erbschaftssteuer und bringt jährlich 10 Milliarden Euro für Investitionen." Ganz anders sieht das der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er warnt vor Standortverlagerungen von Unternehmen und Belastungen des Mittelstandes. Der Verzicht auf eine stärkere Belastung von Vermögen über einer Million gehört für ihn zu den "Lockerungsübungen", die auf dem Weg zu der von ihm angestrebten schwarz-grünen Koalition im Bund nötig seien. Auch dieser noch ungeklärte Streit zeigt: Die Vernachlässigung des Armutsthemas und die Tabuisierung einer ausgleichenden Steuerpolitik sind zwei Seiten einer Medaille.

Die verzerrte Denkweise in der sozialpolitischen Berichterstattung

Medien in der Gesamttendenz haben einige wesentliche Defizite, die in den gründlichen Studien immer wieder begründet und belegt werden. (vgl. auch die fundierte, aber nicht ausreichend wahrgenommene Studie zur Beurteilung der Mediensituation durch die Bürger im Auftrag des BR im Frühjahr 2016)

In der Berichterstattung fehlt es an Kontext und historischen Fundament; der Mainstream und die Übernahme von konfektionierten Material und einfachen Argumentationsmustern - wie im zitierten WDR-Kommentar - dominiert. Authentische Beobachtungen und genaue Zeugenschaft von tatsächlich Betroffenen hat es - jenseits von Nischenprogrammen - schwer.

Die "notleidende" mediale Resonanz des Themas Armut hat aber auch hausgemachte Gründe:

  • Arme organisieren sich nicht, sind von Beteiligung weitgehend ausgegrenzt. Arme haben nur wenige wirksame Advokaten, kaum Sprecher, die Fachfragen mit Wertefragen überzeugend vermitteln können. Wenn Betroffene auftauchen, wie die Putzfrau aus Oberhausen dienen sie meist als Entertainment- und Überraschungsfaktor in Talkshows. Wann gab es eine stimmige Reportage über einen 50-jährigen Facharbeiter mit Familie, der in die Langzeitarbeitslosigkeit entlassen wurde?
  • Zu Armut und Sozialpolitik gibt es zu wenig verständliche Expertise und Einordnung. Sie ist oft zu kompliziert, will sich unangreifbar machen und versteckt sich häufig im komplizierten Detail.
    Nur wenige Forscher sind in der Lage effektiv aus ihrem Wissensfundus zu schöpfen und die Ergebnisse anschaulich und wertbezogen zu vermitteln, ohne in Klischees zu verfallen. Die Experten, die dies überzeugend vermitteln könnten, kommen - im Gegensatz zur arbeitgebernahen Instituten - zu selten zum Zug. Warum fällt den meisten Redaktionen wenig mehr ein als immer wieder SINNfreie Forscher von interessengeleiteten Instituten sprechen zu lassen? Gibt es zu wenige "gesichtsbekannte" Gegen-Experten? Zu oft werden Statements abgefragt, die zuvor in den Redaktionen als passend und bestätigend eingeplant werden. Es gab mehr als 100 Studien zu den Gefahren und Verwerfungen durch den Mindestlohn. Keine der auch von den meisten Medien transportierten Horrorszenarien trat ein; nichts wurde nach der Vorlage der Erfolgsbilanzen dieser vorsichtigen Lohnanpassung später korrigiert oder neu eingeordnet.
  • Armut hat keine Übersetzer: wer entziffert etwa die tatsächlichen, vollständigen Arbeitslosenzahlen, mit allen Datenquellen und „bereinigten“ Sonderfaktoren? Wer interpretiert die Arbeitslosenzahlen in den einzelnen Segmenten des Niedriglohnsektors? Die Unternehmensberater von McKinsey haben über Jahre die gesamte Struktur der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Jobcenter geprägt. Die Relativierung der Arbeitslosenzahlen und die Ausblendung von mehr als einer Million faktisch Arbeitslosen war ihr größter unsichtbarer Erfolg.
    Der frühere Innenminister Peter Friedrichs (CSU) bilanzierte diese nicht nur in diesem Feld zu besichtigende Informationskluft pointiert: "Die veröffentlichte Meinung und die öffentliche Meinung sind 180 Grad auseinander." (Handelsblatt 8.9.15)
  • Armut hat zu wenige Advokaten, auch weil Engagierte in diesem Feld rasch ein Verlierer-Image verpasst bekommen. Wo sind heute die prominenten Sozialpolitiker, deren Stimme Gewicht hat? In AFA, CDA und anderen Arbeitsgemeinschaften der Parteien? Nach Otmar Schreiner und Norbert Blüm fallen kaum Sozialpolitiker mit Profil auf. Offenbar folgt ein Sozialpolitiker heute keinem erfolgsversprechenden Karrieremuster in Fraktionen und Parteien mehr. Im Politikbetrieb werden sie zu einsamen Mohikanern, was wiederum auf die mangelnde "Nachrichtenwert" in den Medien wirkt. Prominenz, Renitenz und Präsenz sind hier kaum noch zu bemerken. Oder gibt es einen Sozialpolitiker vom Schlage des Innenpolitikers Wolfgang Bosbach, der die Talk-Shows bevölkert und bei den zuständigen Redakteuren als "gesichtsbekannt" routiniert eingeladen wird? Sein Geheimrezept, das er als Medienkritik versteht: "Jeder Satz muss für sich alleine stehen und auch gesendet werden können." Die Begabung für einfache, klare Aussagen als "Oneliner" ist selbst bei Politikern mit Medienzugang im Feld der Sozialpolitik unterentwickelt.
  • Armut entmutigt. Trotz allen Faktendarstellungen ändert sich nichts Wesentliches in der politischen Praxis und in der Berichterstattung. Ausnahme: Wenn die Bertelsmann Stiftung eine neue Studie zur Armutsgefährdung von Alleinerziehenden publiziert (6.7.16 und 12.9.2016 DLF und viele andere Medien), gibt es eine beachtliche mediale Präsenz. Warum gelingt dies anderen etablierten Stiftungen und Forschungseinrichtungen nicht?
  • Über Arme wissen wir alles, über Reiche nichts. Daran wird auch der nächste Armuts-Reichtums-Bericht wenig ändern. Auch dieser Befund ist ein Ausdruck der Macht-Asymmetrie in Deutschland (vgl. Monitor, 12.7.2016 mit dem Nachweis, dass die bisherigen Reichenszahlen falsch bzw. zu niedrig angesetzt waren). Reiche beherzigen den Kernsatz: Macht ist die Schaffung von Ungewissheitszonen. Warum finden sich die zuständigen Sozial-und Arbeitsminister im Bund und den Ländern damit ab? Die Armutsberichte liegen meist monatelang in der Pipeline, ehe sie veröffentlicht werden. Wenn sie vorliegen, finden Sie nur eine große Beachtung, wenn gleichzeitig herauskommt, dass die zuständigen Minister versuchen, die Befunde weich zu machen oder die Datensätze zu relativieren.
  • Das Thema Armut hat zu wenig Raum in den Medien. Mitte Juli 2016 lief auf Phönix wieder das Forum Wirtschaft (zuvor Manager-Forum). Warum gibt es zeitgleich nicht ein vergleichbar besetztes Forum der Arbeitnehmer, Sozialpolitiker, der Sprecher der Tafeln oder von engagierten Initiativen? Jeden Abend werden die wenigen Aktienbesitzer in der "Börse vor Acht" - und anderen Hauptnachrichtensendungen über die Entwicklung der Kapitalmärkte informiert. Die Wirtschaftsmagazine im Fernsehen haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu reinen Verbrauchermagazinen mit zum Teil fragwürdigen Dauertests aller möglichen Produkte entwickelt. Wäre dieser Trend - weg von einer hintergründigen Wirtschaftsberichterstattung - nicht ein Thema für die Vertreter in den Aufsichtsgremien? Welche Konsequenzen ziehen Programmverantwortliche aus dem Befund des stellvertretenden ZDF-Chefredakteurs? "Mann kann klar sagen, dass es diesen Eskapismus gibt, die Mehrheit der Menschen flieht vor komplexen Dingen. Das kann man auch im Alltagsgeschäft sehen, da fahren sie Slalom, um die Nachrichten herum. Die gucken erst den Krimi bei uns, dann den in der ARD. Rechtzeitig schalten sie um, dass sie bloß nicht die Nachrichten schauen müssen" (Elmar Theveßen, Die Zeit, 16.7.2015). Warum werden Burger, Grillgeräte und nahezu jeder denkbare Konsumartikel in aufwändigen "Check-Sendungen" getestet? Ein 45-minütiger Armuts- und Reichtums-Check könnte Abwechslung in den Supermarkt der Zufälligkeiten bringen.

Berechtigte Medienkritik nicht als Vorwand für mediale Distanz nutzen

In den Verbänden und der Zivilgesellschaft gibt es auch auf Grund schlechter Erfahrungen mit der Medienberichterstattung zum Armuts-Komplex eine zunehmende Skepsis bezogen auf die Kooperation mit Journalisten. Viele Akteure haben - besonders in der Armutsberichterstattung - den Eindruck, benachteiligt, ausgenutzt bzw. nicht beachtet zu werden. Dies war jedenfalls ein ernstzunehmender Tenor vieler Beiträge auf der ersten Nationalen Armutskonferenz Anfang Juli in Berlin.

Ein Gegenmittel ist eine qualifizierte Medienkritik entlang konkreter Beispiele zu formulieren; ernsthafte Verfehlungen und Verletzungen von Persönlichkeitsrechten in der Armutsberichterstattung sollten dem Presserat und den zuständigen Gremien der privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkunternehmen vorgetragen werden. Sehr hilfreich ist auch das direkte Gespräch in Redaktionskonferenzen oder zumindest die genau begründete schriftliche Kritik an die jeweils zuständigen Redaktionen.

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