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Landleben4.0 in Niederstetten

Landleben4.0 Tradition & Integration in Niederstetten

Gut angebunden ist Niederstetten nicht, weder was den öffentlichen Nahverkehr noch die Internetverbindung angeht. Dafür gibt es einen internationalen Flughafen, Hightech-Unternehmen, fünf Theaterbühnen und familiäre Volksfeste. Und das Integrieren von Fremden klappt hervorragend.

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44:49 min | Fr, 7.4.2017 | 21:00 Uhr | Landleben4.0 | SWR Fernsehen

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Fernsehdokumentation

Landleben4.0 in Niederstetten

In Europa stehen Flüchtlinge im Fokus hitziger Diskussionen. Anders in Niederstetten: Die Kleinstadt in Hohenlohe ist mit ihren Zugezogenen unterschiedlichster Herkunft gewachsen.

Nicht einmal mehr 5.000 Einwohner hat das 30 Kilometer von Bad Mergentheim liegende Niederstetten. Einst war es eine stolze und reiche Stadt, der im Mittelalter die Marktrechte verliehen wurden. Und es gab den größten Ferkelmarkt Deutschlands. Hier haben die Bauern jede Woche den amtlichen Ferkelschlachtpreis für ganz Süddeutschland ausgehandelt.

Doch die komplette Landwirtschaft inklusive Ferkel- und Schweinezucht ist inzwischen eingegangen, die Ställe stehen leer. Nur ein Denkmal erinnert noch an die erfolgreiche Zeit.

Gewerbe statt Landwirtschaft

Stattdessen setzte Niederstetten auf Industrie. Einer der Vorteile der Kommune in Hohenlohe: Sie hat einen internationalen Flughafen, der sowohl militärisch als auch privat genutzt wird. Ein echter Standortvorteil. Nicht umsonst haben Unternehmen wie ebm-papst und Bass hier ihren Sitz. Sie sorgen für Arbeitsplätze in der Region. Allerdings mangelt es an Facharbeitern und Auszubildenden. Noch immer müssen Gastarbeiter angeworben werden. Für die allerdings gibt es kaum Mietwohnungen. Auch der öffentliche Nahverkehr lässt zu wünschen übrig - und schnelles Internet sucht man hier vergebens.

Vorzeigeprojekt UFZ

Bernd Herschlein

Bernd Herschlein

Mit dem Niedergang der Landwirtschaft wurden viele Bauern arbeitslos. Die Firmen rund um Niederstetten gründeten daraufhin einen Verein und schulten Bauern zu Elektrikern, Mechanikern und Elektronikern um. Das Umschulungszentrum UFZ bietet die Kurse an, die die Firmen verlangen. Viele Schüler werden von den Firmen in das UfZ geschickt und später sofort übernommen.

Und damit da niemand auf der Strecke bleibt, holt der UFS-Geschäftsführer und Lehrer Bernd Herschlein die Schüler, die noch nicht mobil sind, sogar frühmorgens in ihren Heimatdörfern ab.

Offen für Neue und Neues

Guiseppe Rizza

Guiseppe Rizza

Niederstetten lebte schon immer vom Zuzug. 1945 kamen 200 zwangsumgesiedelte Bessarabier, unter ihnen Karl Fink, der heute noch hier lebt. In den 50er Jahren zogen italienische Gastarbeiter mit Familien zu - und blieben. Heute gehören sie zu den Geschäftsleuten der Stadt. Die örtliche Pizzeria ist der Treffpunkt für viele Niederstettener, denen die alten Wirtshäuser nicht zusagen.

Und in den 90ern kamen viele Russlanddeutsche, die hier heimisch wurden. Inzwischen gibt es sogar ein russland-deutsches Theater mit professionellen Schauspielern. Und auch die ein oder anderen "Stadtflüchtlinge" aus Stuttgart, denen die Stadt zu teuer, zu laut und zu voll war, sind hier heimisch geworden. Sie haben es sogar geschafft, den Weinanbau wiederzubeleben.

Reiches kulturelles Leben

Winzertanz in Niederstetten

Winzertanz in Niederstetten

Ihnen allen hilft bei der Integration das ausgeprägte Kultur- und Vereinsleben in Niederstetten. Ob freiwillige Feuerwehr, Sportverein oder Landfrauen, wer sich engagiert, gehört früher oder später einfach dazu.

Und was die Kultur angeht: Es gibt zwar kein Kino, dafür aber fünf Theaterbühnen. Der Höhepunkt ist das alle zwei Jahre stattfindende Freilichttheater im Tempele. Rund 150 Bürger engagieren sich auf und hinter der Bühne. Das verbindet - und bindet junge Menschen an den Ort. Genau wie der jährliche Winzertanz beim Herbstfest. Da muss jeder Niederstettener wenigstens einmal im Leben mitgemacht haben.

Chancen statt Ängste

Und weil das mit der Integration so gut klappt, ist auch alteingesessenen Bewohnern nicht bange, wenn sie an die Flüchtlinge denken. Sie wissen, sie sind auf Zuzug angewiesen, die Einwohnerzahl schwindet, alte Bauernhäuser stehen leer. Und so würde man sich über syrische Familien freuen, die hier heimisch werden: "Die hätten wir bald integriert. Sie müssen in den Gesangsverein, die Feuerwehr und den Stammtisch, dann passen sie zu uns."

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