Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 3.10.2016 | 11:30 Uhr | SWR Fernsehen

ARD-Themenwoche "Heimat" - Cannstatter Wasen Vom Erntedank- zum Volksfest

Es ist das zweitgrößte Volksfest der Welt: der Cannstatter Wasen. Eine 35 Hektar große Stadt auf Zeit mit mehr als 300 Buden, Zelten und Attraktionen. Hinter den Fassaden verbirgt sich eine eigene Welt.

Es begann als eintägiges, landwirtschaftliches Fest, das sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer mehrwöchigen Veranstaltung entwickelte. Auch nach fast 200 Jahren ist der Wasen noch quicklebendig und erfindet sich ständig neu.

1/1

Cannstatter Volksfest

Feiern mit Tradition

In Detailansicht öffnen

Das Cannstatter Volksfest - im Schwabenland eine Institution. Jahr für Jahr wird hier im Herbst gefeiert, geschwätzt und getrunken. Neben dem Oktoberfest in München gilt es als eines der größten Volksfeste der Welt. Dabei hat es einmal ganz klein angefangen.

Das Cannstatter Volksfest - im Schwabenland eine Institution. Jahr für Jahr wird hier im Herbst gefeiert, geschwätzt und getrunken. Neben dem Oktoberfest in München gilt es als eines der größten Volksfeste der Welt. Dabei hat es einmal ganz klein angefangen.

Einen Tag dauerte das erste Volksfest im Jahr 1818. Ins Leben gerufen wurde es von König Wilhelm I. von Württemberg. Als er 1816 den Thron bestieg, herrschte im Land große Not und Elend. Ein Vulkanausbruch in Indonesien hatte Teilen Europas (und Nordamerikas) ein "Jahr ohne Sommer" gebracht. Überschwemmungen, katastrophale Missernten und schwere Hungersnöte waren die Folge.

1817 die Wende: Die Ernte in Württemberg fiel gut aus, das schlimme Hungern hatte endlich ein Ende. König Wilhelm und seine russische Frau Katharina stifteten ihrem Volk daraufhin ein landwirtschaftliches Fest. Es sollte jedes Jahr am 28. September, einen Tag nach dem Geburtstag des Königs, auf dem Cannstatter Wasen stattfinden.

Gedacht war es als Leistungsschau für Bauern, Gerät und Vieh. Zucht und Saatgut sollten verbessert werden, um eine Katastrophe wie 1816 künftig zu vermeiden - oder zumindest abzumildern. Den Mittelpunkt des Festgeländes bildete ein Vorführoval. An der Seite ließ Wilhelm I. eine Königsloge bauen. Schon beim ersten Fest siedelten sich am Rand des Wasens Essens- und Schaustellerbuden an.

Die Attraktion damals: ein Pferderennen rund um die mit Getreide, Obst und Gemüse prachtvoll geschmückte 15 Meter hohe Fruchtsäule, die eigens für das Volksfest errichtet worden war.

Auch heute noch ist die mit Blumen und Obst geschmückte Fruchtsäule das Wahrzeichen des Cannstatter Volksfestes. Die aktuelle Säule entstand 1972, ist 26 Meter hoch und drei Tonnen schwer.

Das Volksfest fand auch im Dritten Reich bis 1941 statt. Ein Leistungsfest der Landwirtschaft passte perfekt in die "Blut-und-Boden-Ideologie" der Nazis. Danach wurde erst 1950 wieder richtig gefeiert, nachdem es 1949 ein erstes kleineres Herbstfest gegeben hatte.

Schnell spielte es sich wieder in die Herzen der Schwaben. Ein Fest für Groß und Klein eben: Ministerpräsident Dr. Hans Filbinger (m.) ließ sich mit Gattin und Innenminister Krause 1969 die Polizeimotorräder auf dem Kinderkarussell nicht entgehen.

Heute wie damals: Feuchtfröhlich feiern hat Tradition. Schon 1846 hieß es in einer Pressenotiz "dass in einer der Buden, wo man Lagerbier ausschenkte, binnen dreier Tage 6.560 Maß Bier verzapft wurden".

Heute sind die "Bierbuden" großen Festzelten gewichen, in denen eifrig getrunken, geschunkelt und gesungen wird. Und bei jährlich etwa vier Millionen Wasenbesuchern geht sicherlich das ein oder andere Maß mehr über den Tresen.

Der Fassanstich gebührt dabei immer dem amtierenden Oberbürgermeister, der damit auch das Volksfest offiziell eröffnet. Fritz Kuhn brauchte bei seiner Premiere 2014 fünf Hammerschläge, bis der Gerstensaft floss.

Einer der Höhepunkte des Volksfestes: der traditionelle Umzug am ersten Festsonntag mit rund 100 historischen Trachtengruppen, Musikkapellen und Festwagen. Erstmals erwähnt wurde ein Umzug im Jahr 1841, als 10.000 Württemberger ihrem Monarchen Wilhelm I. zum 25. Regierungsjubiläum huldigten. Den Umzug im heutigen Sinne gibt es seit 1927, allerdings unregelmäßig und mit wechselnden Strecken. Erst seit Gründung des Volkfestvereins 1994 ziehen Fahnenschwinger und Festwagen Jahr für Jahr durch die Cannstatter Gassen.

Was einst mit Schiffsschaukeln, Kletterbaum und Kinderkarussellen anfing, hat sich rasant weiterentwickelt: höher, schneller, nervenaufreibender ist die Devise bei den Fahrgeschäften. Heute warten unter anderem die höchste transportable Schaukel, der höchste transportable Freifalltum der Welt, zwei Achterbahnen und ein Riesenrad auf die Besucher. Aber auch der ein oder andere Klassiker ist dabei.

Alle vier Jahre aber gedenkt man auf dem Wasen noch einmal seinen bäuerlichen Anfängen: Dann findet parallel zum Volksfest das "Landwirtschaftliche Hauptfest" statt, eine Fachausstellung für Land- und Fortwirtschaft. 2018 ist es wieder so weit.

Warum aber feiert der Wasen dieses Jahr erst sein 170. Jubiläum, wenn das erste Fest 1818 stattfand? Auf Anweisung König Karls fand das Volksfest zwischen 1882 und 1891 nur alle zwei Jahre statt. Außerdem führten die beiden Weltkriege dazu, dass es einige volksfestfreie Jahre gab. Jetzt aber darf wieder gefeiert werden. Und nach dem Volksfest ist ja bekanntlich vor dem Volksfest.

Ein eigener Kosmos

Zweimal im Jahr verwandelt sich der Wasen, ein ehemaliger Exerzierplatz, in eine wuselige Stadt voller Attraktionen. Millionen Besucher wollen feiern, genießen, Party machen. Dass das klappt, darum kümmern sich mehr als tausend Mitarbeiter pro Tag! Festwirte, Budenbesitzer, Hähnchenbrater, Achterbahntester, Wahrsagerinnen und viele mehr kümmern sich um das Wohl der Gäste. Für den Film haben sie einen seltenen Einblick hinter die sonst verschlossenen Kulissen gewährt.

Zwei Brüder packen zu

Fritz und Armin Weeber

Fritz und Armin Weeber

17 Tage dauert das Volksfest. Der Aufbau aber dauert noch viel länger. Bis zu zwei Monate brauchen die Handwerker, um die Festzelte aufzustellen. Mit klassischen Bierzelten haben diese nichts mehr zu tun. Der Cannstatter Wasen gilt bundesweit als Vorreiter in Sachen moderne Festzeltarchitektur.

Seit mehr als 100 Jahren mit dabei: die Weebers mit ihrem "Wasenwirt". Der Schaustellerclan gehört quasi zum Inventar des Volksfestes. Hier wird alles selbst macht: Gestaltung und Aufbau des Zeltes, Planung der Events und Innovationen für den nächsten Wasen. Wenn's klemmt, dann schleppen auch die Chefs Bierkrüge.

Der Wasen ist bunt

Gaydelight-Party Wasen - Christopher Ruben Koch als Dragqueen Christa

Gaydelight-Party auf dem Wasen - Christopher Ruben Koch als Dragqueen Christa

Die "Gaydelight-Party" in ihrem Zelt ist legendär. Als vor 15 Jahren die erste Schwulen- und Lesbenparty anstand, verbot das Stuttgart Marketing jegliche Werbung - der Wasen sollte nicht ins Zwielicht geraten. Die Presse bekam Wind davon und entfachte einen Sturm der Entrüstung, der das Stuttgarter Marketing in die Knie zwang.

Zu verdanken ist die Gaydelight-Party Theo von Pagliarucci. Er boxte sie durch. Praktischerweise hat er durch seine Schwager, die Wasenwirte, ein Festzelt an der Hand.

Göckele und ein Maß

Göckelesmaier

Festwirt Karl Maier und seine Frau Daniela

Legendär ist auch der "Göckelesmaier". Karl Maier ist ein Zupacker, aber in seinem Zelt geht es weniger bierzeltmäßig zu. Das fängt schon damit an, dass die Band alle 45 Minuten Pause macht. Die Leute sollen sich auch unterhalten können.

Seine Mutter ist mit über 80 Jahren die älteste Volksfestwirtin und selbst schon eine Legende. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das "Imperium" aufgebaut. Geblieben aus ihren Anfangsjahren sind Göckele und Bier, vieles andere hat sich verändert.

Moderner Nervenkitzel

Wasen - TÜV-Abnahme Wilde Maus

Erwin Bernhard vom TÜV prüft die "Wilde Maus"

Achterbahnen waren schon in den 30er Jahren atemberaubende Konstruktionen. Das Knarzen der Holzbalken sorgte für zusätzliche Adrenalinstöße während der Fahrt.

Moderne Achterbahnen sind aus Stahlelementen, der TÜV prüft sie nach jedem Aufbau. Und genau das ist die Aufgabe von speziell geschulten Prüfingenieuren wie Erwin Bernhard. Er darf zwar stundenlang Achterbahn fahren, ist aber auch dafür verantwortlich, dass alle wieder sicher unten ankommen.

Magische Momente

Weniger spektakulär, dafür umso nostalgischer geht es bei Karl Wittmann aus Illertissen zu. Er hat das älteste Fahrgeschäft auf dem Wasen von 1908 und das bedarf besonderer Pflege. Für Kinder ist der Ritt auf einem der Holzpferde immer noch etwas ganz Besonderes.

Wahrsagerin - Madame Odessa

Madame Odessa

Auch der Wagen der Wahrsagerin auf dem Wasen hat etwas Magisches. Die meisten schauen aus sicherer Distanz, denn drinnen lauert die Wahrheit, die Zukunft. Madame Odessa hat Stammkunden in ganz Deutschland, die sich regelmäßig die Karten legen lassen und Rat suchen. Nur zugeben will es kaum einer.

Odessa entstammt einer alten Artistenfamilie. Die Großeltern waren auf dem Seil, auch sie beherrschte die Balance einst perfekt. Die Kunst des Wahrsagens wurde Odessa von ihrer peruanischen Großmutter in die Wiege gelegt.

Volksfestvereine in Amerika

Man sieht, das Volksfest hat vieles zu bieten. Und so ist es kein Wunder, dass es von ausgewanderten Schwaben in aller Welt vermisst wird. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten einige in verschiedenen Städten der USA Schwaben-Vereine, die Volksfeste feierten - mit Fruchtsäule und Umzügen. Den Cannstatter Volksfestverein gibt es erst seit 1994. Seine Hauptaufgabe: die Ausrichtung und die Organisation des jährlichen Umzugs. Und obwohl die amerikanischen Vereine viel älter sind, lassen es sich einige Mitglieder nicht nehmen, ihre Vereinskollegen in Cannstatt zu besuchen - zu Volksfestzeiten natürlich!

Aktuell im SWR